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Das Ende der Normalität. Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war (Gabor Steingart)
Geschrieben von Lilach
Montag, der 16. Mai 2011

Piper Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag
173 Seiten, 16, 95 EUR
ISBN: 9783492054591


Genre: Sachbuch


Klappentext

Was bleibt? Was kommt? Was verschwindet für immer ?
Früher war nicht alles besser, aber vieles verlässlicher. Die Welt drehte sich, aber sie rotierte nicht ständig. Heute ist die Treue zur Automarke größer als die zum Ehepartner, aus dem Beruf wurde ein Job, bei Kirche denkt niemand mehr an Enthaltsamkeit. Heute ist selbst das Wort Zukunft dabei, seinen guten Ruf zu ruinieren.

Normalität bedeutete das Verlässliche in der Gesellschaft. Es war jene Zeit, als Familie noch lebenslange Schicksalsgemeionschaft bedeutete und sich nicht ein- und ausschalten ließ wie ein Pay-TV-Programm. Damals begann nach der Ausbildung der „Ernst des Lebens“ und nicht das nächste Praktikum. Es war jene Zeit, als man drei Freunde im Café traf und nicht 500 Freunde auf Facebook. Damals bekamen Banker noch einen Schreck, wenn sie das Wort Risiko hörten, und nicht – wie ihre Nachfahren – einen Erregungszustand. Das Kennzeichen unserer Zeit ist das Verschwinden der vielen Selbstverständlichkeiten. Millionen von Menschen spüren die Überforderung: jedes Mal, wenn man alle Antworten gelernt hat, wechseln, die Fragen. Dennoch muss der Gezeitenwechsel kein Drama sein, sagt Steingart. Das Gefühl der Fremdheit und die Vorfreude auf ein Leben, das anders sein wird als unser bisheriges, schließen sich nicht aus. Steingart berichtet in seinem schwungvollen Essay von dem, was geht, was bleibt und was kommt.


Rezension

In 27 kurzen Kapiteln setzt Steingart sich essayistisch mit dem auseinander, was unsere Zeit, unsere Gesellschaft in den verschiedenen Lebensbereichen kennzeichnet. Er tut dies meist in Form einer Gegenüberstellung dessen, was war, mit dem, was ist – einschließlich einiger Überlegungen zu der Frage, was danach sein wird. Dabei knüpft er an Tatbestände an, die den heute unter Dreißigigjährigen vermutlich schon kaum mehr ein Begriff sind; für die Generationen zuvor berührt er stellenweise schmerzhaft Empfindliches. Offene Wunden, aus denen herausgerissen wurde, was jahrzehntelang selbstverständlich war, was heute, vage oder explizit, vermisst wird und von dem in vielen Fällen völlig unklar ist, wodurch es ersetzt werden wird.

Er spricht über aufgelöste Bindungen – zum Beruf, zur Firma, zur Familie, zur Religion – die die Menschen in unserer Gesellschaft über Generationen hinweg geprägt haben, und über die vergebliche Suche nach neuem äußerem Halt. Die Sicherheiten, die es einmal gab, gibt es nicht mehr und wird es wohl auch nie wieder geben. Das bedeutet für Steingart aber nicht, dass der einzige Ausweg in hoffnungsloser Nostalgie bestünde. Er vergleicht die heutigen Zustände zwar mit früheren und zeigt auf, in welchem Ausmaß die einmal bestehenden Normalitäten abgelöst wurden von permanenter „Un-Normalität“; und er benennt die Sehnsüchte der Menschen nach eben diesen verschwundenen Normalitäten.

Auf die Gleichung „normal = gut“ lässt er sich jedoch nicht ein. Immer wieder erinnert er an den hohen Preis jener früheren Sicherheit, die sich aus festen, allgemein anerkannten Regeln für praktisch jeden Lebensbereich ergab: wesentliche Einschränkungen von Freiheit und Autonomie, die wir heute nicht mehr hinzunehmen bereit wären.

Aber es ist eben genau jene Freiheit, die vorangegangene Generationen mühsam erringen mussten, die uns heute verunsichert. Wo es keine äußerlichen Verbindlichkeiten mehr gibt, ist das Individuum selbst gefordert. Es muss sich eigene neue Maßstäbe schaffen, nach denen es sein Leben führen will. Für Steingart ist dies eine im Grunde positive, aufregende Herausforderung an jeden einzelnen. Die Zeit, die bereits angebrochen ist, könnte, so mutmaßt er am Schluss, „unsere glücklichste werden“.

Seine Analysen der gesellschaftlichen Ist-Zustände sind sehr präzise und zutreffend, ebenso seine Schlussfolgerungen. Letztere scheinen aber nur eine ganz bestimmte gesellschaftliche Teilmenge im Blick zu haben. Jene Individuen nämlich, die die moderne Verunsicherung selbst so genau wahrnehmen, wie Steingart es tut, und die dann zusätzlich noch den großen Schritt wagen, sich ihr zu stellen und neue, eigene Regeln zu entwickeln. Das dürften allerdings nicht allzu viele sein.

Menschen sind dem Wesen nach Herdentiere, keine Einzelgänger, und so empfinden sie auch. Und gerade dieses Empfinden bringt sie oft auf Wege, die Steingarts Vorstellungen entgegen gesetzt sind. Viele vermeiden nämlich lieber jede innere Konfrontation mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen und begeben sich stattdessen flugs in neue äußere (wenn auch nur scheinbare) Sicherheiten, Regelwerke und Zwänge. Junge Frauen in England konvertieren zum orthodoxen Islam, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner enorm strengen Regeln. Junge Männer in Deutschland schließen sich neonazistischen Vereinigungen mit festgefügtem Weltbild und militärisch-strengem Gepräge an und geben erleichtert jede Eigenverantwortung ab. Zwar steht auch das natürlich jedem frei; aber mit individueller Selbstbestimmung und Autonomie hat es wenig zu tun.

Auch abseits solcher Extrembeispiele sind viele Menschen, vielleicht sogar die Mehrheit, mit den neuen Ansprüchen der Zeit hoffnungslos überfordert. Was soll mit ihnen geschehen? Oder, anders herum gefragt: Wie werden sie beeinflussen, was mit der Gesellschaft geschieht? Eine Welt der Selbstbestimmung und gegenseitigen Toleranz, wie Steingart sie zart andeutet, ist vorstellbar. Genauso ist es aber auch das Gegenteil; und die gesellschaftlichen Entwicklungen scheinen eher hierauf hinzudeuten. Auf diese Problematik aber geht Steingart nicht ein. Hierin liegt der einzige, allerdings auch nicht unerhebliche Mangel des Buchs.


Fazit

Insgesamt gelingt es Steingart, in klarer, schlichter Sprache und teilweise auf höchst amüsante Art, unser modernes Unbehagen zu analysieren, auf seine Ursachen zurück zu führen und sogar einen Lösungsweg anzubieten. Man wünscht sich viele Leser für dieses wichtige, verständnisvolle und mutmachende Buch.


Pro und Kontra

+ sehr gut lesbar, oft amüsant
+ absolut verständlich
+ tief gehend, ohne langatmig zu werden
+ kurz und präzise, aber nicht zu stark vereinfachend
+ interessante und gut fundierte Grundthese

- in den Schlussfolgerungen ein verengter Blickwinkel, der einen Großteil der heutigen Gesellschaft auszuklammern scheint
- Preis ist, trotz Hardcover, für nicht einmal 200 groß gedruckte Seiten doch etwas sehr hoch

Wertung:

Inhalt: 4/5
Aktualität: 5/5
Verständlichkeit: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 3/5

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 16. Mai 2011
 

Kommentare  

#1 Betriebswirt (FH)Bungenberg Manfred 2011-08-14 12:25
Wer sich die Sendung, die sich u.a. mit den Aussagen in diesem Buch befasste, heute im PHÖNIX - Fernsehen um 13 h angesehen hat, wird sicherlich das Buch kaufen und es sehr gut in seine Gedankenwelt über Wirtschaft und Politik mit einordnen können

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