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Obsolete Angels (Annie Bertram)
Geschrieben von Judith
Freitag, der 01. Juli 2011

UBooks (Juni 2011)
Hardcover, 176 Seiten, 18,95 EUR
komplett in Farbe
ISBN: 978-3-939239-04-8

Genre: Düstere Phantastik / Fotographie


Klappentext

Nach dem großen Erfolg ihres ersten Bild- und Erzählbandes «Wahre Märchen», welches u.a. zum Buch des Jahres 2008 von den Lesern des Orkus-Magazins gewählt wurde, präsentiert Annie Bertram mit ihrem neuen Buch erneut eine gelungene und faszinierende Symbiose aus ausdrucksstarken Fotografien und fesselnden Texten.
Dieser prächtige Bildband erzählt fantasievolle Geschichten über Orte und ihre geheimnisvollen Bewohner, verletzbar zarte Maschinenwesen oder einsame Seelen, die sich schon lange aus der Welt, wie wir sie kennen, zurückgezogen haben. Er beinhaltet exklusive Geschichten bekannter Autoren und entführt uns in die Traum – und Gedankenwelt der wohl beeindruckendsten Fotografinnen der jüngeren Zeit.


Rezension

Endlich erscheint mit „Obsolete Angels“ wieder eine wundervoll illustrierte Anthologie aus dem Hause UBooks, die ihren Vorgänger „Wahre Märchen“ in den Schatten stellt. Der Großteil der Bilder schafft eine verträumte, düstere Atmosphäre, die den Leser beinahe das Weiterlesen vergessen lässt. Die Symbiose von Bildern und Texten ist hierbei besonders gut gelungen, sodass man das Gefühl hat, tatsächliche Szenen aus den Geschichten vor sich zu haben. Besonders hervorgehoben seien an dieser Stelle die ausdrucksstarken Bilder zu „Edens End“, für die unter anderem Dennis Ostermann (In Strict Confidence) vor der Linse stand. Das Maskenbild erinnert an eine archaische Version eines Borgs. Auch die Bilder der Skorpionfrau zur gleichnamigen Geschichte von Boris Koch haben es in sich und fangen die Vorstellung der wunderschönen und grausamen Skorpionfrau perfekt ein. Außerdem seien ebenso die Fotographien zu Annie Bertrams Geschichte „Mechanical Bird“ und zu Jeanine Krocks „Das Phantom des Meeres“ erwähnt, die ebenfalls mit herrlichen Kostümen und ausdrucksstarken Models überzeugen.

Zu jeder Geschichte samt Fotographien gibt es bauplanartige Zeichnungen aus der Feder von Markus Bär, die mechanische Komponenten aus den Texten genauer beleuchten. In die Kostüme der Models sind PC-Lüfter, Schläuche, Draht und diverse Metallkonstruktionen eingebunden – ohne, dass die Bilder zu technisch wirken würden. Am ehesten würde es die Bezeichnung Steampunk treffen, wobei das nicht auf jede Geschichte zutrifft und sicherlich nicht immer auf die Inhalte. Denn diese bestechen wie schon bei „Wahre Märchen“ mit ihrer Vielseitigkeit. Dadurch besteht zwar einerseits die Gefahr, dass einem manche Texte gar nicht gefallen, doch der positive Effekt, immer wieder etwas gänzlich Neues präsentiert zu bekommen, überwiegt. Dabei sind die meisten Geschichten sehr gut, nur ab und an gelingt es nicht, die Spannung aufzubauen oder schlichtweg das Niveau der anderen Geschichten zu erreichen. So ist gerade „Mechanical Bird“ von Annie Bertram eher schwach im direkten Vergleich, wobei ihre zweite Story „Edens End“ mit einer herrlich surrealen Atmosphäre überzeugt.

Ein besonderer Leckerbissen stellt sicherlich Boris Kochs „Die Skorpionfrau“ dar, die mit dystopischem Setting und grandiosen Bildern überzeugt. Die Menschen haben sich in nach dem Untergang ihrer Welt in eine Fabrik zurückgezogen, in der sie nun gefangen sind. Draußen lauern gefräßige Insekten, die allerdings innerhalb der Fabrik von der Skorpionfrau verschlungen werden. Dafür holt sie sich jedoch auch ab und an einen der menschlichen Fabrikbewohner … Auch „L’appareil des bonnes âmes“ von Markus Heitz besticht durch eine originelle Grundidee, die von den Bildern stimmungsvoll untermalt wird. Fragwürdige Experimente führen dazu, dass aus den sterblichen Überresten von Verbrechern unschuldige Wesen entstehen. Das offene Ende bietet dabei reichlich Platz für die eigenen, bizarren Phantasien. Finster-romantisch geht es dagegen bei „Das Phantom des Meeres“ von Jeanine Krock zu. Hier wird ein Pirat von Chris Pohl (Blutengel) verkörpert, der zum Streitobjekt zweier Todesfeen wird. Dazu gibt es ein Wiedersehen mit Lucian aus „Flügelschlag“ – zumindest meint man, ihn zu erkennen, wenn auch eher in einer anderen Zeit.

Bei „Der Kanibale“ weiß man schon nach zwei Sätzen, aus wessen Feder die Geschichte stammt: Dirk Bernemann. Holly Loose (Letzte Instanz) verkörpert den menschenfressen, psychotischen Protagonisten dabei bestens, auch wenn man sich den kranken Mann aus der Geschichte etwas schmächtiger vorstellt. Von der Mutter für widerwärtige Darmwinde geschlagen, brennen im Erwachsenenalter nun ab und an die Sicherungen bei diesem durch. „Der sechste Abend“, dieses Mal mit Holly Loose als Autor, schlägt dagegen eher philosophische Töne an, wobei der Umsetzung zu wenig Raum gegeben wurde. In der Kürze überzeugt der Text nicht gänzlich. „Das Märchen vom weißen Schein“ von Starkall erblüht in kühlen Farben und Bildern, die stark an Edward mit den Scherenhänden erinnern. Die Geschichte ist teilweise etwas verwirrend, dafür jedoch auch wunderbar verträumt und berührend.

Zusammengefasst kann man sagen, in den Geschichten geht es um zeitlose Träume und die folgenden Stürze, um Makabreres und Einsamkeit, ebenso wie um Ängste und Wahnsinn. Wie bereits erwähnt punktet diese Anthologie mit ihrer Vielseitigkeit, die sich bereits in der Auswahl der Autoren zeigt. Dieses Mal sind zudem deutlich mehr bekannte Namen vertreten, die sich teilweise in gänzlich neuem Licht präsentieren und beweisen, dass sie auch auf wenigen Seiten eine dichte Atmosphäre kreieren können. Das Warten auf eine neue Anthologie von Annie Bertram hat sich jedenfalls gelohnt und es bleibt zu hoffen, dass diese nicht die letzte sein wird.

Die Aufmachung ist dieses Mal tadellos - wo bei „Wahre Märchen“ die zu kräftig gefärbten Hintergrundgrafiken noch störten, werden die Texte nun auf grau marmorierten Seiten in Szene gesetzt. Das Format des Buches ist etwas ungewöhnlich, im Anbetracht der vielen horizontal ausgerichteten Bilder jedoch passend. Entsprechend wurde der Texte zweispaltig gedruckt, wobei hier leider ein kleiner Fehler unterlaufen ist (in einer Geschichte kommt eine kleine Passage doppelt vor). Nichtsdestotrotz ist „Obsolete Angels“ ein wahres Schmuckstück, das mit einer hohen Druckqualität der Fotographien überzeugt. Wenn man fertiggelesen hat, kann man immer noch viele Stunden damit verbringen, die eindrucksvollen Bilder auf sich wirken zu lassen – oder seine Lieblingsgeschichten nochmals zu lesen! Es sei allerdings nochmals erwähnt, dass es hier eigentlich kaum um Engel geht. Die Titelwahl ist demnach etwas unglücklich und hätte sich gerne etwas mehr auf das mechanische Element konzentrieren dürfen.


Fazit

Ein traumhaftes Spiel aus Mechanik und Melancholie – Annie Bertram inszeniert die vielseitigen Texte in überwältigend schönen Bildern, die mit einem professionellen und kreativen Kostümdesign und Maskenbild überzeugen. „Obsolete Angels“ ist ein wahres Schmuckstück!


Pro & Contra

+ traumhafte Fotographien
+ Einbindung technischer Komponenten
+ kreativ und vielseitig
+ hohes Niveau der Texte
+ wundervolle Aufmachung

- nicht alle Texte halten das Niveau

Wertung:

Texte: 4/5
Aufmachung: 5/5
Fotographien: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Interessante Links zum Thema:

Interview mit Annie Bertram (Juli 2011)

Rezension zu "Wahre Märchen" von Annie Bertram

Interview mit Boris Koch (Juni 2011)

Interview mit Markus Heitz (März 2011)

Licht & Schatten-Special mit Jeanine Krock (Dezember 2009)

Interview mit Holly Loose (Februar 2009)

Interview mit Dennis Ostermann (August 2010)

Interview mit Dirk Bernemann (März 2011)

Zuletzt aktualisiert: Sonntag, der 24. Juli 2011
 

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