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Ehrenmord. Ein deutsches Schicksal (Matthias Deiß, Jo Goll)
Geschrieben von Lilach
Montag, der 10. Oktober 2011


Verlag Hoffmann und Campe
Klappenbroschur
255 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3455502374


Genre: Sachbuch

Klappentext (innen)

Der Tod Hatun Sürücüs und das Geständnis ihres Bruders Ayhan haben bundesweit eine Debatte über Parallelgesellschaften ausgelöst. Das Gewaltverbrechen wurde zum Sinnbild für misslungene Integration. Wie aber konnte es zu der Tat kommen? Und wie beurteilt der Mörder sie heute, sechs Jahre danach? Erstmals und exklusiv mit den ARD-Autoren spricht er ausführlich über die Hintergründe und Umstände des Mordes. Andere, die zu Zeugen des Geschehens wurden, schildern ihre Sicht der Dinge: die beste Freundin des Opfers, Hatuns großer Bruder, der polizeilich gesucht wird, die Kronzeugin im Prozess, die seitdem mit neuer Identität im Zeugenschutz lebt … Ein Buch, das zu verstehen sucht.


Rezension

Eins vorneweg: „Ehrenmord“ ist ein wichtiges, ein notwendiges Buch. Schon der Titel macht deutlich, was bisher ein großer Teil der deutschen Gesellschaft nicht recht wahr haben will: Die Ermordung der dreiundzwanzigjährigen Hatun Sürücü durch ihren eigenen Bruder ist „ein deutsches Schicksal“. Trotz des Migrationshintergrunds (ein Begriff, der im übrigen sicher bald und zu recht auf der Unwörterliste landen dürfte): Hatun war eine Deutsche und wurde in Deutschland, auf offener Straße, erschossen. Wie auch immer man das Gelingen oder Nichtgelingen der Integration türkisch-, arabisch-, kurdischstämmiger Deutscher beurteilen will – sie sind hier, sie sind ein Teil von uns. Ihre Schicksale lassen sich nicht mehr einfach abspalten und gesondert betrachten, als etwas Fremdes, das nur ganz zufällig in unserer Mitte gelandet ist.

Matthias Deiß und Jo Goll unternehmen mit ihrem Buch laut Klappentext den Versuch, das eigentlich Unmögliche zu erreichen: Verstehen. Die Beweggründe des Täters, das Umfeld, in dem dieser Mord geschehen konnte, vielleicht gar geschehen musste. Die Sichtweisen anderer, mehr oder weniger stark involvierter Personen aus ganz unterschiedlichen Kreisen. Die Autoren machen es sich und den Menschen, mit denen sie sprechen, nicht leicht. Sie stellen unangenehme Fragen, sie bleiben hartnäckig. Sie beschränken den Untersuchungsradius auch nicht allein auf Deutschland, reisen nach Ostanatolien, in die Herkunftsdörfer der Familie Sürücü. Kurz, sie tun alles, was man von investigativem Journalismus dieser Art erwarten darf, und sie tun es gründlich.

Dennoch lässt sich die Ergebnis des Buches in einem einzigen Wort zusammenfassen, einem Wort, das schon auf den ersten paar Seiten immer wieder vorkommt und eigentlich in einem journalistischen Text rein gar nichts verloren hat: „Seltsam“. Die Augen des Mörders sind „wach und doch seltsam verschlossen“ (S. 10), sein Schmunzeln gibt ihm etwas „seltsam Abgeklärtes“ (S. 19), er spricht oft „seltsam beiläufig, irritierend emotionslos“ (S. 19). Und wenn er zum Ende des Buches noch einmal sagt, dass es falsch war, seine Schwester zu töten, dann klingt das in den Ohren der Journalisten „seltsam kalt und leblos“ (S. 248). „Seltsam“, das bedeutet laut Duden: vom Üblichen abweichend und nicht recht begreiflich. Nicht recht begreiflich, das ist der Mörder also für die Autoren, zu Beginn des Buches und auch an seinem Ende. Verstehen also Fehlanzeige? Woran hat es gelegen?

Die Hauptfiguren dieses realen Dramas, der Täter Ayhan und seine Familie, haben naturgemäß eine eigene Agenda. Was man ihnen nicht verdenken kann. Ayhan versucht, irgendwie die Zeit im Gefängnis zu überstehen und glaubhaft zu machen, dass er eine solche Tat heute nicht mehr begehen würde. Die Familie, vor allem Vater und Brüder, stehen nach wie vor unter dem Verdacht, an der Tat, auf welche Weise auch immer, beteiligt gewesen zu sein. Die Notwendigkeit des Selbstschutzes, emotional wie juristisch, verhindert also im Grunde jedes wirklich offene Gespräch von vornherein. Das ist den Autoren nicht vorzuwerfen. Aber sie verschärfen das Problem noch, indem sie sich viel zu sehr auf die eine Frage konzentrieren, die damals die Öffentlichkeit so sehr aufgewühlt hat und deren ehrliche Beantwortung durch die Schutzmechanismen der Beteiligten am stärksten blockiert ist: Wer hat mitgemacht bei Hatuns Ermordung? Gab es einen Auftrag des Vaters, die Schwester zu töten? Absprachen mit den älteren Brüdern? Die Sürücüs verneinten dies stets geschlossen, auch Ayhan bestand immer auf seiner Alleintäterschaft. Ein erneutes Bohren an dieser Stelle war also – und dies hätten die Autoren als erfahrene Journalisten erkennen können – von vorneherein aussichtlos. Dennoch befasst sich ein großer Teil des Buches immer wieder mit genau dieser Frage. Dabei schreiben die Autoren im Nachwort selbst: „Es ist gar nicht entscheidend, ob Ayhan Mittäter hatte oder nicht.“ (S. 251). Eben.

Aber – was ist dann entscheidend? Vielleicht nicht die Frage nach dem Wie, sondern die nach dem Warum? Auch hiermit beschäftigen sich die Autoren, wenn auch verhaltener und oft in Verbindung mit der leidigen Frage nach der Mittäterschaft. Sie tauchen in den religiösen Hintergrund ein, besuchen Anatolien. Analysieren die Strukturen der Familie Sürücü. Dabei kommen sie zu mehreren gut fundierten, teils erschreckenden, teils irritierenden Erkenntnissen. Das große Warum aber bleibt weiter offen; eigentlich noch mehr als zuvor. Ein junger Mann hat seine Schwester ermordet, hat sie nicht in wilden Gefühlsaufwallungen gegen eine Wand gestoßen oder hinterrücks auf sie eingestochen – er hat ihr ins Gesicht geschossen, aus allernächster Nähe. Hat in ihre Augen gesehen, direkt hinein in ihre Todesangst. Hat ihre Züge explodieren sehen, diese Züge, die er seit ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend so gut kannte – und an die er sich heute nicht mehr erinnern kann oder will. Religion soll damit zu tun gehabt haben, wenn auch nicht so sehr stark, wie im Zusammenhang mit Ehrenmorden häufig vermutet wird. Dazu die angesprochenen schwierigen Familienstrukturen. Und ethnische Traditionen, in der Fremde zu Granit erstarrt. Man liest das, man stellt sich Hatuns Gesicht vor, und man möchte schreien: Ist das alles? Kann das alles sein?

Der Gedanke, die eigene Schwester zu ermorden, ist für die meisten von uns so bizarr, dass er eigentlich un-denkbar ist. Und das bleibt er auch nach der Lektüre des Buchs. Denn diejenigen, die vielleicht hätten erklären können, weshalb solche Gedanken in manchen Gesellschaften nicht nur denk-, sondern auch ausführbar sind, verweigern sich den Journalisten größtenteils. Die Gespräche mit ihnen bleiben an der Oberfläche, müssen es wohl auch bleiben. Die befragten Familienmitglieder wissen längst, was Deiß und Goll erst im Verlauf ihrer Recherchen herausgefunden haben: Eine wirkliche Verständigung über so tiefgreifende Fragen wie die Ehre und was sie von einem Bruder, einem Vater verlangt, ist auf journalistischem Weg nicht zu erreichen. Verstehen setzt nämlich eines voraus, das Sich-Hinein-Versetzen-Können in die Lage des anderen. Dazu muss der Befragte gewillt sein, sich vertrauensvoll zu öffnen, so weit und so lange, bis sein Standpunkt für sein Gegenüber nachvollziehbar, nachfühlbar wird. Und der Fragende muss dies auch wollen – nachfühlen, begreifen, eintauchen in die fremde emotionale Welt. Von beidem ist in den Gesprächen zwischen den Autoren und Hatuns Brüdern nichts zu spüren.

Und so bleibt auch das Verstehen aus. Muss ausbleiben, nach der ganzen Anlage des Buchs. Leider, denn es sind viele interessante Ansätze vorhanden, die ein Weiterverfolgen gelohnt hätten. Irgend jemand wird die Wege, die sich hier andeuten, eines Tages gehen müssen, bis ganz zum Ende, bis eine wirkliche Verständigung erreicht ist. Um Hatuns willen. Denn sie ist eine von uns gewesen, so viel oder so wenig wie jede Erika, jede Daniela, jede Melanie. Eine Nachbarin, eine Arbeitskollegin, eine Freundin. Dies macht das Buch sehr deutlich, und genau hierin liegt auch sein eigentliches Verdienst.


Fazit

“Ehrenmord“ ist ein wichtiges Buch. Es beschäftigt sich mit dem gewaltsamen Tod eines Mädchens, das zwar kurdischer Herkunft war, aber hier in Deutschland, neben uns, ermordet wurde. Es versucht, die Gründe zu beleuchten, indem der Täter und die Familie des Mädchens befragt werden. Bei der Beantwortung der Frage nach dem „Warum“ scheitert es letztlich, aber es wirft auf dem Weg dorthin viele wichtige weitere Fragen und Erkenntnisse auf, mit denen die deutsche Gesellschaft sich noch wird beschäftigen müssen.


Pro und Kontra

+ sehr gut lesbar
+ verständlich
+ persönlich
+ Aufbau logisch und gut nachvollziehbar

- zu starke Fokussierung auf eigentlich unwichtige Fragen
- unjournalistische Schwammigkeit an ganz wesentlichen Stellen
- falscher Ansatz, um wirklich Nachvollziehbarkeit der Tätermotive zu erreichen
- etwas sehr teuer

Wertung:

Inhalt: 3/5
Aktualität: 5/5
Verständlichkeit: 4/5
Herangehensweise: 3/5
Preis/Leistung: 3/5

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 10. Oktober 2011
 

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