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Banditenliebe (Massimo Carlotto)
Geschrieben von Almut
Samstag, der 06. April 2013

Tropen, 1. Auflage 2011
Gebunden, 186 Seiten
€ 17,95 [D] | € 18,50 [A] | CHF 26,90
ISBN: 978-3-608-50209-1
Originaltitel: L’amore del bandito (2009)
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
LESEPROBE

Genre: Krimi


Rezension

Der Ich-Erzähler Marco Buratti, genannt der „Alligator“, und sein Freund aus Gefängniszeiten, Max la Memoria, „das Gedächtnis“, helfen dem Schmuggler Beniamino Rossini, dessen Freundin Sylvie zu suchen. Sylvie wurde am 31.10.2006 entführt. Zwei Jahre zuvor, am 1.4.2004, wurden aus dem Rechtsmedizinischen Institut von Padua einige Kilogramm Heroin gestohlen. Zwischen beiden Fällen besteht ein Zusammenhang. Die Gegner der drei Männer sind Mitglieder der kosovarischen Mafia. Die hat sich seit dem Zerfall Jugoslawiens in Norditalien ausgebreitet und wird bestimmt durch ehemalige Mitarbeiter des Regimes. Sie arbeitet zusammen mit korrupten italienischen Polizisten und Bürokraten. Die Grenze zwischen Gut und Böse ist bei Carlotto eine unscharf bestimmte, die sich am ehesten vielleicht noch so beschreiben lässt: die Bösen überschreiten sie gerne, die Guten mit Widerwillen.

Marco ist eine der romantypischen gescheiterten Existenzen im Werk Carlottos. Er nimmt das Leben weitgehend als gegeben, vertritt seine eigenen Interessen, lässt sich benutzen, wenn er nichts daran ändern kann, rächt sich aber bei nächster Gelegenheit dafür. Den Leserinnen und Lesern erzählt er als eine Art Conferencier des Verbrechens mit Zynismus und Humor aus seinem Leben. Das Problem, vor dem Marco, Max und Beniamino stehen, kann gelöst werden, weil es ein Netzwerk von Informanten gibt, weil für Geld nahezu jeder bereit ist, so ziemlich alles zu machen, weil korrupte Staatsbedienstete erpressbar sind, weil es rivalisierende Clans und Organisationen gibt. So gelangen die Drei auch an einen wichtigen Vertreter der serbischen Unterwelt, der im Gegenzug für seine Informationen Beniaminos Schnellboot für ein paar Drogentransporte beansprucht.

Die Figuren in „Banditenliebe“ haben alle einen langen Atem. Im April 2004 fand der die Gegenwartserzählung motivierende Diebstahl statt, zweieinhalb Jahre später wird Sylvie entführt und knapp zwei Monate später befreit. Danach vergehen wieder mehr als zwei Jahre, von Dezember 2008 bis März 2009, bis Beniamino seine Rachegedanken umsetzen will. Zwei Monate danach treffen Marco und Beniamino in Paris auf die für Sylvies Entführung verantwortliche Person.

Was im Werk Carlottos eher selten zu lesen ist: die Erzählung ist in ihrem Unterboden bestimmt durch tiefe Liebe, Banditenliebe zwischen Beniamino und Sylvie, die im Zweifel einschließt, auch beim geliebten Menschen zu bleiben, wenn dies die Hölle bedeutet.

Ein wiederkehrendes Thema im Werk Carlottos ist die zunehmende Intensität in der Zusammenarbeit regionaler Gruppierungen der Organisierten Kriminalität, die zwar schon seit längerer Zeit zu beobachten ist, aber erst mit den letzten Erweiterungen der Europäischen Union so richtig Fahrt aufgenommen hat. Die Geschäftsfelder sind bekannt: die Klassiker Drogen, Prostitution, Geldwäsche, die neueren Tätigkeitsbereiche Abfallentsorgung und Immobilien. Übliche Strukturen sind Import-Export-Firmen. Reisebüros der kosovarischen Mafia in Italien verschaffen Visa für den Schengenraum, der Preis liegt bei 30.500 Euro, die Visa sind keine Fälschungen, sondern echte Leistungen korrupter Beamter. Carlotto verweist gelegentlich auf reale Personen, wie Željko Ražnatović. Unter dem Namen Arkan war der im Jugoslawienkrieg Anführer der paramilitärischen „Srpska dobrovoljačka garda“.

Wer literarische Gesellschafts- und Politikkritik bereits mit dem notorischen erhobenen Zeigefinger verbindet, sollte von „Banditenliebe“ die Finger lassen. Wer aber Interesse an „embedded crime storys“ hat, für den ist jeder Roman Carlottos ein Hochlicht der Kriminalliteratur. Der Autor hat viel zu sagen, auch indirekt, über das Versagen, oder, anders ausgedrückt, die Interessenlagen der EU-Politik. Interessen, die sich in einem korrupten Netz ergeben, oftmals gar keinen direkten Zusammenhang aufweisen, sondern mehr der Selbstorganisation zu folgen scheinen, die funktioniert, nicht weil es eine große Verschwörung gäbe, sondern weil die vielen kleinen Entwicklungspfade eine gemeinsame Richtung aufweisen - „in einer Welt, in der jeder jeden bescheißt“.


Fazit

„Banditenliebe“ vereint auf spannende und unterhaltsame Weise eine private doppelte Rachegeschichte mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen im heutigen Italien, das sich im Zuge der EU-Osterweiterung neuen Akteuren der organisierten Kriminalität ausgesetzt sieht und darauf antwortet, indem sich Bürokraten und Polizisten zu Befehls- und Zahlungsempfängern dieser Organisationen machen.


Pro & Contra

+ Carlotto erzählt seine Geschichte lakonisch und ohne Abschweifungen im Stil des Noir mit pointierten Dialogen und reichert sie an um interessante politische Zusammenhänge.
+ Ein reizvolles Moment der Ästhetik Carlottos ist die literarische Entsprechung eines filmischen Soundtracks. In Szenen werden Musikstücke genannt, die gerade zu hören sind und die Stimmung der Szene begleiten.

ο Nicht unüblich im Genre, arbeitet Carlotto in seinem Werk mit einem Menü, in dem oft nur Zutaten geändert werden.

Wertung:   

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Dies ist eine Rezension unserer Gastrezensentin Almut Oetjen, herzlichen Dank!

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Zuletzt aktualisiert: Samstag, der 06. April 2013
 

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