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Die Ohnmächtigen (Boris Strugatzki)
Geschrieben von Almut
Dienstag, der 29. Oktober 2013

strugatzki ohnmaechtige

Klett-Cotta, 2007
Originaltitel: Бессильные мира сего (2003)
Übersetzt von Erik Simon
Gebunden, 340 Seiten
€ 22,95 [D] | € 23,60 [A] | CHF 34,90
ISBN: 978-3-608-93774-9

Genre: Dark Fantasy


Autor

Boris Strugatzki und sein Bruder Arkadi gehörten zu den wichtigsten und populärsten Autoren der phantastischen Literatur in der Sowjetunion. Bis zum Tode Arkadis im Jahr 1991 haben sie in Ko-Autorenschaft geschrieben. Seitdem hat Boris zwei Romane veröffentlicht, Die Suche nach der Vorherbestimmung oder Der siebenundzwanzigste Lehrsatz der Ethik und Die Ohnmächtigen. Beide spielen im Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.


Rezension

Die Hauptfiguren des Romans sind mit übernatürlichen Kräften ausgestatte Männer, die sich die „Alten Herren“ nennen. Sie sind das Ergebnis von Menschenversuchen, die im Stalinismus unter Führung des als Sensei bezeichneten Sten Arkadjewitsch Agre standen. Zu ihnen gehören: Wadim Danilowitsch Christoforow (genannt Resulting Force), ein Meteorologe, der menschliches Verhalten und kollektive Entscheidungen vorhersagen kann; Juri Georgijewitsch Kostomarow (Polygraf Polygrafowitsch), ein menschlicher Lügendetektor; Robert Valentinowitsch Patschulin (Festplatte), ein Mensch mit absolutem Gedächtnis; Grigori Petelin (der Giftzahn), der mittels Hass töten kann; schließlich Kammerjäger Kostja-Beelzebub, der Macht über Insekten hat, und sechs weitere Männer.

Trotz ihrer Kräfte sind die „Alten Herren“ ohnmächtig. Der korrupte Politiksumpf ließ sie sich von der Gesellschaft zurückziehen. Bis Wadim von Erast Bonifatjewitsch Besuch erhält, der ihm ein Angebot unterbreitet. Wadim soll die anstehenden Gouverneurswahlen von Sankt Petersburg manipulieren, indem er die Wähler dazu bringt, sich für den „Intelligenzler“ zu entscheiden. Er bekommt 5.000 Dollar sofort und soll weitere 20.000 Dollar nach erbrachter Leistung erhalten. Wadim versucht Erast den Unterschied zwischen der Vorhersage von Ereignissen und deren Beeinflussung zu erklären. Unter Einsatz von Folter wird der Zögernde dazu gebracht, zuzustimmen. Hinter all dem scheint ein gefährlicher Mann zu stehen, den man „Ajatollah“ nennt. Wadim bittet seine Freunde um Hilfe.

Die Handlung der Ohnmächtigen erstreckt sich über elf Kapitel und den Zeitraum von September bis Dezember vor den Wahlen in Sankt Petersburg. Sechs Einschübe sind als „Lyrische Abschweifung“ betitelt. Im ersten Kapitel wird die Geschichte etabliert, in den folgenden Kapiteln ergänzt, gefaltet, aufgefächert, fragmentiert, aufgelöst. Die größeren Erzählanteile haben faktisch oder vordergründig plotfremde Elemente. Strugatzki fügt viele Exkurse ein, so über Philatelie, Blähungen und Menschenversuche. Er arbeitet intensiv mit Verweisen, die für Literaturwissenschaftler, für Slawisten oder besonders interessierte Leser den Text bereichernd wirken. Übersetzer Erik Simon hat die aus seiner Sicht für die Leser wichtigsten in einem längeren Anhang aufgegriffen und kommentiert.

Die Handlung scheint eher zweitrangig. Strugatzki fertigt kleine Spiegel, in denen er groteske Verzerrungen erzeugt. Manche davon sind in Form kleiner Fabeln oder Parabeln mit der Haupthandlung verbunden, gehen dieser voraus. Dazu gehört die Geschichte mit dem Stier, die erzählt wird, bevor Wadim von dem Geheimdienstmann aufgesucht und von dessen Handlanger gefoltert wird, als verstünde er, wie zuvor über den Stier gesagt wird, nur diese Sprache. Und wir wissen nicht, wer nur diese Sprache versteht, der Stier oder der Mensch, Wadim oder seine Folterer. Jedenfalls besteht Erast darauf, Wadim könne die Zukunft verändern, hat aber keine Angst, ihn zu bedrohen. Erast kreist in seiner Argumentation zudem im persönlichen Musterkatalog, und er kann sich einer Welt außerhalb seiner eigenen nicht öffnen.

Strugatzkis Protagonisten versuchen sich anzupassen, was ihnen selten gelingt. Sie stecken den Kopf nicht in den Sand, um damit ihre Ohnmacht zu festigen. Sie betätigen sich als Seismographen, diskutieren alles aus, aber sie verändern nichts. Und wenn sie auf Missstände hinweisen, interessiert es niemanden. Gelegentlich wird über Intellektuelle geäußert, sie lebten im Elfenbeinturm. Strugatzki lässt die Sicht zu, dass Intellektuelle sich immer in einem Elfenbeinturm befinden, auch wenn die Welt sie berührt und sie politisch aktiv werden. Wadim ist ein sehr gutes Beispiel für Intelligenz, die zum Verständnis der Welt beiträgt, aber Mächtige nur interessiert, wenn sie sie für ihre Zwecke nutzen können. Und Intellektuelle, die die Welt nur beschreiben, sind Ohnmächtige. Ihre Ohnmacht wird noch gesteigert, wenn sie versuchen, die Welt zu verändern.

Da der Plot wenig mehr ist als eine Leine, an der erzählungsrelevante Wäsche hängt, fällt es kaum ins Gewicht, dass Leser keinen Zugang zu den Figuren finden, die recht unsympathisch sind. Der Lesespaß kommt nicht zustande durch das Nachvollziehen der Geschichte, sondern durch die vielen kleinen Stücke, die man als Abschweifungen betrachten kann.


Fazit

Boris Strugatzki hat mit Die Ohnmächtigen einen phantastischen Roman geschrieben, der in der Gegenwart spielt und ein düsteres Porträt der russischen Gesellschaft liefert. Keine Science Fiction, wie die Werke mit Bruder Arkadi. Vielleicht intellektuelle Dark Fantasy mit starkem Märchen- und Horroranteil.


Pro und Contra

+ tiefgründiger politischer Roman

o hoher Grad an Verschlüsselung, dadurch schwierige Lektüre

- wenig interessante Charaktere

Wertung: sterne4
Handlung 5/5
Charaktere 3/5
Lesespaß 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 29. Oktober 2013
 

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