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Max, der Schlawiner (Isaac B. Singer)
Geschrieben von Almut
Donnerstag, der 07. April 2016

singer max

München/Wien 1995, Hanser, 4. Auflage
Originaltitel: Scum (1991)
Übersetzung von Gertrud Baruch
Gebunden, 262 Seiten
€ 15,95 [D] | € 20,50 [A] | CHF 26,90
ISBN 978-3-446-16445-1

Genre: Belletristik

Neuauflage bei dtv geplant


Inhalt

1906: Der 47jährige jüdische Auswanderer Max Barabander ist in Südamerika mit schmutzigen Geschäften ein wohlhabender und angesehener Mann geworden. Nach dem Tod seines erst siebzehnjährigen Sohnes Arturo lässt er seine gramgebeugte und durch den Verlust des Sohnes frigide gewordene Frau Rochelle allein in Buenos Aires zurück und reist nach Europa. Er will das Grab seiner Eltern im polnischen Roszkow besuchen, aber es verschlägt ihn nach Warschau, wo er in seinem alten zwielichtigen Milieu seine Jugend und seine Potenz wieder zu finden hofft, die der einstige Weiberheld verloren hat. Dreiundzwanzig Jahre sind vergangen, seit er sein altes Viertel das letzte Mal gesehen hat. Dort hat sich einiges, aber nicht alles verändert. Max nimmt ein Zimmer im Hotel Bristol und knüpft in einer Gastwirtschaft erste Kontakte. Als er vom Schicksal eines armen aber guten Hilfsrabbi erfährt, beschließt er, dem Mann Geld zu schenken. Bei seinem Besuch lernt er Zirele kennen, die züchtige und auffallend schöne Tochter des Rabbi. Er fühlt sich zu ihr hingezogen.


Rezension

Singer, 1904 in Radzymin/Polen geboren, verbrachte seine Kindheit in Warschau und genoss eine traditionelle Erziehung. 1926 begann er mit dem Schreiben hebräischer und jüdischer Geschichten für eine jüdische Zeitung in Warschau. 1935 emigrierte er in die USA und ließ sich in New York nieder. Seine ersten Romane entstanden. Ab 1943 arbeitete er in der Redaktion des Jewish Daily Forward. Ab 1960 verfasste er hauptsächlich Romane mit historischem Hintergrund, wie The Magician of Lublin (1960; dt. Der Zauberer von Lublin), The Manor (1967; dt. Das Landgut) und The Estate (1969; dt. Das Erbe), oder auch Geschichten über das Schicksal von Emigranten in New York, wie Enemies. A Love Story (1972; dt. Feinde, die Geschichte einer Liebe) und A Crown of Feathers and Other Stories (1973). 1978 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Singer beschreibt in seinen Romanen den sozialen, religiösen und kulturellen Untergang des osteuropäischen Judentums. Auch Max, der Schlawiner handelt vom jüdischen Exil und den Rudimenten ostjüdischer Kultur. Singers Europa steht an der Schwelle zur Moderne, der technische Fortschritt weist ein anderes Tempo auf als die soziale Entwicklung, die besonders gekennzeichnet ist durch undemokratische politische Strukturen und eine Religiosität, die dem 19. Jahrhundert verhaftet ist. Der Widerspruch zwischen Religion und gesellschaftlicher Entwicklung, die Reibung, die sich aus den zwei unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten ergibt, ist für Singer eine der wichtigsten Erklärungen dafür, dass der Glaube im Wertesystem der Menschen langsam zurückgedrängt oder bedeutungslos wird. Das Stadtbild, welches Singer entwirft, entspricht der Vorstellung von Großstädten, die nicht organisch gewachsen sind, sondern ein Konglomerat aus kleinen Strukturen (Kleinstadt, Dorf) darstellen.

Max Barabander ist ein tief von Widersprüchen bestimmter Mann. Moralisch schlecht eingenordet, trauert er intensiv um seinen toten Sohn, während ihm seine Frau und die Verletzungen, die er ihr zufügt, nahezu gleichgültig sind. Nach seiner Rückkehr in seine polnische Heimat belügt er die Bekannten, indem er ihnen erzählt, seine Frau sei tot. Er schläft mit dem Dienstmädchen Basha und Esther, der Frau eines Bäckers. Er hat eine Beziehung zum Gangsterliebchen Reyzl und wird in ein Netzwerk gezogen, das Frauen, darunter Basha, in ein Bordell nach Argentinien locken soll. Zirele, der verführerischen Tochter des Rabbi, die altersmäßig auch seine Tochter sein könnte, macht er einen Heiratsantrag. Max ist zugleich provinziell und weltoffen. Der Zwiespältigkeit dieser Figur tragen auch der deutsche Titel, in dem er ein Schlawiner ist, und der Originaltitel Rechnung. Singer schrieb seine Manuskripte auf jiddisch und ließ sie unter seiner Mitwirkung ins Englische übertragen, wo das Buch Scum heißt, dem jiddischen Titel Shoym entsprechend.

Eins der Themen des Romans ist die Unordnung, die im Inneren der Hauptfigur und die, welche Max in seinem Umfeld hervorbringt: die Verwirrung Zireles, die sexuellen Affären mit Frauen, die in Beziehungen leben, der Versuch, die natürliche Ordnung zu stören, indem er ein Medium aufsucht, um mit seinem toten Sohn zu kommunizieren. Singers tragikomischer Held durchläuft eine Entwicklung vom Kriminellen zum erfolgreichen Geschäftsmann. Er gibt seinem Leben einen Sinn, indem er es als schicksalhaft ansieht und ignoriert, dass er sich in seine Situation hineinmanövriert hat. Er erlebt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, in welcher ein Mensch sich als schlimmsten Feind seiner selbst erkennt. Er ist ein Mensch in der Schwebe, hin und her gerissen zwischen alter und neuer Welt. Er glaubt mal an Gott, mal an Geister, mal an den Materialismus.

Max vereint Widersprüchliches in sich, ist ein Halunke mit Gewissen, ein ehrbarer Dieb, ein promisker und impotenter Weiberheld in der Krise der Lebensmitte, der sich in eine groteske Situation hineinmanövriert und sich trotz seiner Gerissenheit hilflos immer tiefer verstrickt. In einem Moment ergeht er sich in selbstquälerischen Sinn- und Gottesfragen und hat Skrupel, im nächsten Moment ist ihm alles egal und er denkt nur an sein Vergnügen. Er benutzt die Frauen, um seine Impotenz zu überwinden, die Frauen versuchen ihn zu benutzen, um ihrem eigenen Leben zu entfliehen. Singer verbindet das Porträt einer untergehenden Subkultur mit dem Psychogramm eines zerrissenen Menschen, der mit seinem Sohn und der Liebe seiner Frau nicht nur seinen Glauben an eine gerechte Weltordnung und seine Potenz verloren hat, sondern auch den Glauben an sich selbst.


Fazit

Isaac Bashevis Singers Max, der Schlawiner ist eine Parabel über die Sinnsuche des Menschen und darüber, welche seltsamen Formen sie annehmen kann.


Pro und Kontra

+ ein kraftvoller und verstörender Roman
+ existenzielle Konfliktsituationen werden auf kluge Weise behandelt

Wertung: sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, der 07. April 2016
 

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