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Interview mit Asp Spreng / ASP (11.06.2016)
Geschrieben von Judith
Samstag, der 11. Juni 2016

Interview mit Asp Spreng / ASP

Literatopia: Könntest du dich ganz kurz vorstellen, für die, die dich vielleicht noch nicht kennen?

Asp Spreng: Ich bin Asp Spreng, Sänger, Texter und Komponist der deutschsprachigen Rockband ASP. Neben der Entwicklung der meist als Konzeptalben angelegten musikalischen Geschichten plage ich mich mit dem Management der Band herum und mache auch sonst alles Mögliche. Man könnte kurz sagen: Ich bin der Kopf.

asp3Außerdem schreibe ich ab und zu auch andere Texte, habe mehrere Comics und Bilderbücher sowie einen 159 Strophen umfassenden Briefroman in Gedichtform veröffentlicht. Und so manches mehr, an das ich mich vor lauter Arbeit nicht erinnern kann.

Literatopia: Du bezeichnest eure Musik als Gothic Novel Rock. Könntest du kurz erklären, was für dich dahinter steht und welche Bedeutung es für dich hat?

Asp Spreng: Die Bezeichnung „Gothic Novel Rock“ bezieht sich vor allem auf den extrem hohen Wert, den wir als Band auf die Texte legen, und diese sind thematisch oft im Bereich der Schauerliteratur angesiedelt. Zumindest haben sie mehr Berührungspunkte mit dem literarischen Genre als mit der musikalischen Schublade des „Gothic“, was immer das auch sein mag im Jahre 2016.

Literatopia:Wenn man dein Werk betrachtet, scheinst du ein unheimlich kreativer Mensch zu sein, der keine Grenzen zu kennen scheint. Woher nimmst du all diese Kreativität und vor allem auch die Kraft all deine Projekte zu realisieren? Und wobei kannst du entspannen?

Asp Spreng: Vielen Dank. Ich kenne durchaus Grenzen, es gibt unzählige Dinge, die mir nicht liegen und die mich nicht interessieren. Ich bin ein absolut Getriebener. Ich hab‘ es mir nicht ausgesucht, ich habe auch nicht ergründet, warum ich so ticke: Es fließt aus mir heraus, als wollten die Geschichten, dass ich sie erzähle. Entspannen kann ich mich selten, aber wenn, dann gerne in der Natur. Ich liebe es, ausgedehnte Spaziergänge zu machen. Auch beim Lesen entspanne ich mich, auch wenn ich viel zu wenig Zeit dafür finde.

Literatopia: Wie entscheidest du, was du als Buch, was als Comic und was du als Musik umsetzt? Kommt die Entscheidung dafür aus dem Bauch heraus oder stecken da bestimmte Kriterien dahinter?

Asp Spreng: Beides. Der Bauch und der Kopf müssen im Einklang sein. Wenn eine Idee entsteht, dann stellt man sie sich wie ein neugeborenes Baby als Erwachsenen vor. Anders als bei Menschen weiß man aber sehr schnell, was die Idee einmal werden möchte und welche Formsprache geeignet ist. Zumindest weiß ich es.

Literatopia: Hast du bei deinen Projekten mit anderen Künstlern bereits vorher im Kopf mit wem du etwas machen möchtest und ihr arbeitet es gemeinsam aus, oder ist zuerst zum Beispiel die Idee zu einem Comic und sein Text da und anschließend suchst du den passenden Partner?

Asp Spreng: Mal so, mal so. Da gibt es keine festgelegte Vorgehensweise.

Literatopia: Du hast ein Album über Krabat produziert und bist damit auch auf Akustiktour gegangen. Wie ist die Idee dazu entstanden? Was fasziniert dich an der Krabat-Sage? Hattest du im Laufe der Arbeit an dem Album Kontakt mit Ottfried Preußler, der die in Deutschland populärste Version von Krabat geschrieben hat?

Asp Spreng: Soweit ich mich erinnern kann, habe ich Krabat mit zehn Jahren zum allerersten Mal gelesen, und den Film habe ich auch mit Zehn zum ersten Mal gesehen und mich unglaublich gegruselt. Ich spreche natürlich vom Zeichentrickfilm von Karel Zeman, nicht von dem von Kreuzpaintner. Den habe ich immer noch nicht angeschaut. Das Thema hat mich seit dieser Zeit nicht mehr losgelassen. Es gibt ja nicht nur das Buch von Otfried Preußler, auch wenn dieses natürlich zurecht das ist, was man als erstes mit Krabat assoziiert. Die Sage ist viel älter, auch der wunderbare Otfried Preußler hat sich inspirieren lassen.

verfallen cd coverIch wünschte mir schon lange, meine eigene Version hinzuzufügen, einige Ereignisse mit hineinzunehmen, die mir wichtig waren und zeitlich nach der Geschichte von Preußler spielen könnten. Sprachlich jedoch habe ich versucht, mich an ihm zu orientieren, da ich seine Art zu schreiben, zu erzählen sehr liebe. Zwar ist das in einer Lyrik-Umsetzung nicht eben einfach, aber ich denke, ich habe den Ton zumindest manchmal gut getroffen, hoffe ich. Heute würde ich rückschauend vieles etwas anders schreiben. Damals herrschte ein unfassbarer Druck, ich hätte gern noch etwas mehr Zeit gehabt, sprachlich an „meiner Krabat-Variante“ zu feilen. Zeit für einen „author’s-extended-cut“ vielleicht?

Herr Preußler war damals schon hoch betagt, und ich hatte keinen direkten Kontakt zu ihm. Was ein Jammer. Ich hätte ihn gerne so vieles einmal gefragt. Otfried Preußler war eine völlig unterschätzte Stimme in der Kinderliteratur, seine Sprache war von einer scheinbaren Einfachheit, und dennoch hatte sie eine große Kraft und exzellenten Rhythmus. Gerade am Ende seines Lebens musste er ein paar extrem unwürdige Diskussionen über sich und sein Werk ergehen lassen, dagegen waren seine Erzählungen über die Erlebnisse der Bewohner von Schilda 1958 wirklich harmlos.

Da hatte er bestimmt besseres zu tun, als sich mit einem kleinen Musikschreiberling herumzuplagen. Ich habe versucht, sein Werk zu ehren und trotz der Freiheiten, die ich mir genommen habe, mit großem Respekt zu behandeln. Ich denke, zumindest das ist gelungen.

Literatopia: Zu „Von Zaubererbrüdern …“ gibt es einen Konzertmitschnitt, den du in Eigenregie, ohne Plattenfirma dahinter, realisiert hast. Wie wichtig war es dir, dies zu realisieren und war es schwer die Genehmigung deiner Plattenfirma dafür zu bekommen?

Asp Spreng: Es war eher knifflig als schwer. Wir haben damals einfach gemerkt, dass das Projekt mit den zu erwartenden Einnahmen schlichtweg nicht finanzierbar gewesen wäre. Umso schöner, dass uns Trisol damals erlaubt hat, das dann auf eigene Faust zu machen. Es war ein sehr aufregendes Unterfangen, bei dem wir alle viel gelernt haben. Vollumfänglich hieß das Bühnenprogramm damals übrigens „Von Zaubererbrüdern, Schwarzen Schmetterlingen und anderen Nachtgestalten.“ Deshalb auch der merkwürdige Titel mit dem „Von“ am Anfang.

Literatopia: Für „Asps Von Zaubererbrüdern“ hast du neue Lieder geschrieben, die bisher noch nicht erschienen sind. Wie hoch stehen die Chancen, sie mal auf einem regulären ASP-Album zu hören zu bekommen? Oder im Rahmen der“ Zaubererbrüder“ falls bei denen eine CD-Veröffentlichung mal anstehen sollte?

Asp Spreng: „Asps Von Zaubererbrüdern“ sollten eigentlich eine eigenständige Band werden, die es parallel zu ASP geben kann, und deshalb habe ich einige Songs für das Projekt geschrieben. Momentan sieht es nicht so aus, als würden wir in der Besetzung noch einmal auf Tour gehen können. Dafür haben die Beteiligten alle zu viel mit ihren eigenen Hauptprojekten zu tun. Ich muss aber auch gestehen – und der Fan der Songs mag dies gern als Hoffnungsschimmer begreifen –, dass ich meine Songs meist als meine Babys ansehe, die ich gern hege und pflege. Ich werde also versuchen, sie am Leben zu halten und irgendwie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. So ist zum Beispiel eines dieser Stücke eben zusammen mit einem wunderschönen Bilderbuch erschienen. Die Rede ist von „Der Knochenmann, das Vöglein und die Nymphe.“ Ich kann das Büchlein wärmstens empfehlen, nicht nur, weil ich die Gelegenheit hatte, auf diese Weise eines dieser Lieder zu veröffentlichen, sondern weil die sehr talentierte Fabia Zobel wirklich unfassbar schöne Aquarelle zu meiner musikalischen Erzählung angefertigt hat. Ein Traum!

Literatopia: Wer dich auf einem deiner Konzerte, gerade bei den akustischen, erlebt hat, weiß, dass du eine ganz spezielle Art hast, mit deinem Publikum umzugehen. Du wirkst meist mehr wie ein Conférencier. Ist dies eine für dich mehr natürliche Rolle, die du da annimmst? Abheben tust du dich dadurch auf eine angenehme Art auf jeden Fall von vielen anderen Bands.

Asp Spreng: Das war mir gar nicht bewusst. Ich dachte, das macht jeder so …

Literatopia: Du hast eine ungeheuer wandelbare, angenehme Stimme, mit der du es verstehst zu spielen. Bei den Akustikkonzerten liest du meist etwas aus deiner Feder vor, ohne dass ein Bruch im Konzert entsteht. Würde es dich reizen mal ein Hörbuch einzusprechen oder Aufnahmen für ein Hörspiel zu machen?

Asp Spreng: Vielen Dank für das schmeichelhafte Kompliment! Ja, es würde mich ungemein reizen, so etwas mal zu machen. Sowohl ein Hörbuch, als auch die Mitwirkung bei einem Hörspiel. Allerdings habe ich einen sehr großen Respekt vor professionellen Sprechern. Ich bin ein sehr großer Bewunderer von guten Synchronschauspielern und weiß dementsprechend leider auch, dass ich in diesem Bereich sicher ein absolutes Greenhorn wäre. Es gibt eine ganze Menge von „Promis“, bei denen die Gastrollen als Sprecher furchtbar waren. So etwas wäre mir dann ewig peinlich. Aber wer weiß, vielleicht darf ich sowas tatsächlich irgendwann mal machen. Heutzutage hat ja jeder eine „Löffelliste“, auf der er die Dinge sammelt, die er unbedingt in seinem Leben einmal getan haben will. Ich habe versucht, so eine Liste anzufertigen, und nach den ersten Punkten aufgegeben, weil ich nicht an Reinkarnation glaube.

Literatopia: Deine Alben sind meist einem größeren Zyklus zuzuordnen. Wie kam es dazu, dass du nicht in Einzelalben denkst, sondern immer ein großes Ganzes dahinter steht?

Asp Spreng: Es gefällt mir besser, als nur Einzelsongs zu schreiben. So einfach und unspektakulär ist das.

Literatopia: Würde es dich reizen mal eine Art Musical zu schreiben, bei dem du dann mit weiteren Künstlern und Sängern gemeinsam auf der Bühne stehst und eine Geschichte erzählst?

asp5Asp Spreng: Soll ich ganz ehrlich sein? Das reizt mich gar nicht. Klingt so, als wäre es ein Projekt, bei dem man unfassbare Geduld mit allerlei Egos und Befindlichkeiten anderer Leute haben muss. Ich habe oft nicht einmal mit meinen eigenen Geduld.

Literatopia: Welche Bands findet man in deiner Plattensammlung, mit denen man nicht rechnen würde? Welche Künstler verehrst du? Welche waren in irgendeiner Weise, musikalisch oder vom Auftreten her, Vorbilder für dich?

Asp Spreng: Das sind zu viele, um sie aufzuzählen, sowohl die Bands, mit denen man eventuell nicht rechnen würde, wenn man mich nicht kennt, als auch die, die in irgendeiner Weise Vorbilder waren. Ich werde deshalb auch keine stellvertretend herauspflücken, da ich gelernt habe, dass sich alle möglichen Leute auf solche Aussagen stürzen und auf Spurensuche in unserer Musik gehen. Das finde ich recht unangenehm und ist auch nicht sinnstiftend.

Literatopia: Nach eigener Aussage bis du ein großer Fan von The Inchtabokatables. Was macht sie für dich so besonders und hattest du mal mit ihnen Kontakt?

Asp Spreng: Eine Aussage, die mal gut und gerne 14 Jahre alt ist. Es ist schwer, aktiv Fan einer Band zu bleiben, die selbst inaktiv ist. Ich bin Robert mal im Lindenpark im wunderschönen Potsdam begegnet. Das war toll, ich war aber viel zu schüchtern und zurückhaltend, ihn wegen seiner Band anzuquatschen. Ich war Fan, weil ich die Livekonzerte der Inchties unfassbar großartig fand. Eine derartige Energie und Frechheit habe ich seither selten nochmal gesehen. Heutzutage ist immer alles so brav.

Literatopia: Deine Veröffentlichungen gehen immer mit einer ungeheuren Liebe zum Detail daher und wirken immer sehr hochwertig. Denkst du, dieses Vorgehen ist zum Teil verantwortlich für euren Erfolg, da ihr damit zeigt, dass eure Musik eben mehr ist, als nur ein kommerzielles Produkt, welches für nebenbei gedacht ist, wie es bei vielen Bands in den Charts der Fall ist?

Asp Spreng: Wenn dies so ist, dann ist es zumindest nicht gezielt so angelegt, um mehr Erfolg zu haben. Ich denke, auch ein noch so aufwändig angelegtes Artwork kann nicht darüber hinweghelfen, wenn die musikalischen Inhalte nicht stimmen. Ich bemühe mich stets, bei beidem einen hohen Anspruch geltend zu machen und zu verwirklichen. Wenn man das hinterher fühlen kann und wenn der Hörer daran Gefallen findet, dann bin ich umso glücklicher. Ein kommerzielles Produkt ist doch alles, was auf einen Tonträger gepresst wird und mit dem der Künstler einen Lohn für seine Mühen erreichen möchte. Machen wir uns nichts vor: Auch ich möchte von meiner Musik leben können. Also bin ich wohl doch kommerziell. Aber es ist und bleibt ein Nischenprodukt, das machen einfach die Inhalte. Das darf auch so bleiben. In den Charts sind wir trotzdem in schöner Regelmäßigkeit. Dank unseren treuen Hörern.

Literatopia: Vielen herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Es hat mich wirklich gefreut, die Möglichkeit zu haben, dir Fragen zu stellen.


Dieses Interview wurde von Markus Drevermann für Literatopia.de geführt. Alle Rechte vorbehalten.


 

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Zum Erscheinen von "VERFALLEN, Teil 2: Fassaden" führte Markus Wosgien folgendes sehr ausführliches und schönes Interview mit ASP, welches uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde:

Interview mit ASP

geführt von Markus Wosgien, 13.02.2016

In sechs Wochen steht „Verfallen - Folge 2: Fassaden“ in den Läden; du steckst noch inmitten der Endproduktion und hältst dich an einen sehr strikten Zeitplan. Fördert dieser Druck deine Kreativität?

ASP: Viele Jahre lang dachte ich, dass ich einen gewissen Druck brauche, um ein Album abzuliefern. Aber ich habe gemerkt, ich benötige diesen Druck nicht zwanghaft. Ich bin gerne fleißig, aber kein Workaholic. Allerdings bin ich es nicht anders gewohnt, da die Zeitpläne schon immer sehr eng gestrickt waren. Inzwischen veröffentlichen wir ohnehin fast im jährlichen Rhythmus neue Alben und dieses Mal wollte ich die Hörer ganz bewusst nicht lange auf die Fortsetzung von „Verfallen - Folge 1: Astoria“ warten lassen. Diese Geschwindigkeit muss ich allerdings nicht noch einmal haben! Ich kann ebenso gut in Ruhe und ohne Zeitdruck texten, komponieren und abliefern. Diesmal habe ich jedoch versucht, deutlicher auf den Punkt zu kommen; normalerweise lasse ich mich beim Schreiben stets treiben. Ich nutzte für den zweiten Teil eine längere Vorbereitungszeit, um jene komplexe Geschichte innerhalb dieses Werks zu Ende zu erzählen.

Schriebst du die 14 neuen Titel in direktem Anschluss an „Verfallen - Folge 1: Astoria“ oder entstanden damals bereits Ideen, Visionen und Songs, die du bewusst für den zweiten Teil aufgehoben hast?

ASP: Tatsächlich habe ich den ersten Teil chronologisch geschrieben, fing bei dem ersten Stück an und folgte anschließend strikt meinem Exposé, um die Story entsprechend zu Ende zu erzählen. An den zweiten Part trat ich etwas anders heran: So suchte ich mir die Teile aus, die mir zu berichten am Wichtigsten waren. Dementsprechend konnte ich sehen, wie viel Luft mir noch bleibt, um die Geschichte innerhalb jener CD zu Ende zu bringen. Dabei habe ich etwas gemacht, dass ich bis dato noch nie in meiner Karriere getan habe; ich kürzte - und zwar unglaublich viel. Ich tat alles, um die Erzählung präzise auf den Punkt zu bringen. Jedes Wort ist so gesetzt, dass die Storyentwicklung im Vordergrund steht, während ich mich ansonsten schon auch gerne mal in der Schönheit der Reime verliere.

War es für dich vergleichbar einfacher „Verfallen - Folge 2: Fassaden“ zu schreiben und auf dem Vorgänger aufzubauen, als - wie bei dem ersten Teil - bei Null zu beginnen?

ASP: Aus textlicher Sicht war es tatsächlich einfacher, da ich für die Story ein noch ausgefeilteres Exposé geschrieben habe, an das ich mich halten konnte. Das fiel mir entsprechend leicht. Musikalisch hingegen fiel mir der zweite Teil minimal schwerer, da ich nicht gar so viele Freiheiten und eben mir selbst auferlegte Zwänge hatte. Teil eins war streckenweise immens experimentell, um jenes Gefühl der Zwanziger / Dreißiger Jahre authentisch rüberzubringen. Der zweite Teil hingegen ist von der Erzählung her sehr viel gruseliger, weshalb die Musik nicht nur härter, sondern auch verrückter wird. Die Musik gleicht dem Seelenleben von Paul, dem Protagonisten dieser Geschichte und besitzt daher nun eine sehr spezielle, rohe Kraft. Dadurch sind wir wiederum auf Pfaden gewandelt, die wir zuvor noch nie betreten haben. Das hat uns viel Spaß gemacht und ich konnte unter anderem auch musikalischen Leidenschaften nachgehen, die mir wichtig sind und große Freude bescherten.

In gesanglicher Hinsicht sind beide Alben deine bis dato vielseitigsten Werke geworden, da du unterschiedlichste Ausdrucksformen wählst und ohnehin immens emotional auftrittst. Wie empfindest du das selbst?

ASP: Gesanglich waren beide Alben eine wirkliche Herausforderung, da ich mit nur einem Charakter versuchen musste das widerzuspiegeln, was sich in diesem belebten Hotel abspielt. Ich habe geflüstert, tiefe Chöre verwendet und genauso auch ganz hohe, zarte und zerbrechliche Töne gesungen. Es ist jedoch wahnsinnig schön und kreativ, so etwas machen zu können. Generell versuche ich, mit jedem neuen Album bestehende Grenzen zu erweitern. Ich brauche es, mir neue Ziele stecken zu können, um der Langeweile vorzubeugen. Und auf diesen beiden Werken durfte ich so viel davon machen, dass es nahezu paradiesisch war.

Der Übergang zwischen den beiden Werken ist mit „Fortsetzung Folgt… 1“ und „Fortsetzung Folgt…2“ gesetzt. Vereinfacht diese Verbindung den Einstieg in das zweite Kapitel?

ASP: Ich hoffe, dass es für den Hörer so ist. Da das Album in gewisser Weise geradezu filmisch funktionieren sollte, ist dieser Abspann und der darauffolgende Vorspann etwas Naheliegendes. Hier wird der Hörer abgeholt, ohne von der Hauptstory jedoch schon etwas zu verraten. Man wird mit einem allgemeinen ASP-Thema in Empfang genommen, schreitet bei der zweiten Nummer durch eine Tür und muss dann angekommen sein.

Musikalisch hat dich „Verfallen - Folge 1: Astoria“ aufgrund des Konzepts auf zum Teil völlig neue, stilistische Bahnen geleitet und auch Folge zwei führt diese Vielseitigkeit fort. War es eine bewusste Vorgabe an dich selbst, dir keinerlei musikalischen Grenzen zu setzen und das Konzept quasi den Ton angeben zu lassen?

ASP: Ja, allerdings mit dem Anspruch, dass die Stilistik nicht unlogisch werden sollte. Wir schreiben unsere Musik mit der vollen E-Gitarren-Breitseite und bewegen uns dennoch zu Beginn in den zwanziger Jahren. Das entspricht unserem musikalischen Ausdruck - und das finden wir toll. Uns war es wichtig, in jenen Kosmos immer wieder Details einzustreuen, die den Hörer in die damalige Zeit mitnehmen. Wir konzentrierten uns dabei auf das Kammerspiel, denn Paul ist in all den Jahrzehnten dort gefangen und bekommt von seiner Außenwelt nur wenig mit. Er beschäftigt sich zwar mit seinen Gästen, um den Schein zu wahren, doch was Außen an Entertainment passiert und die Leuten erleben, bekommt er nur am Rande mit. Paul erlebt z.B. auch die Wende, aber dennoch gibt es für ihn primär nur das Astoria. In diesem musikalischen Kosmos wollte ich mich, mit all der Vielfalt die wir haben, austoben. Der Hörer soll seine Welt erleben.

Gab es von Seiten der Fans auch Kritik an musikalischen Ausreißern wie beispielsweise „Zwischentöne: Lift“?

ASP: Kritik gibt es an allem, das wir machen immer wieder - und so gab es auch Fans, die eben mit außergewöhnlichen Stücken wie z.B. „Zwischentöne: Lift“ nichts anfangen konnten. Das passiert. Dagegen kann man nichts tun. Es sei denn, man wiederholt sich und schreibt seine prägnantesten vier Songs in allerlei Variationen stets aufs Neue. Aber das haben wir mit keinem Album versucht und werden auch niemals damit anfangen. Für viele Bands ist es durchaus ein Risiko, sich zu verändern, da sie auf jeden einzelnen Fan angewiesen sind. Ich könnte mir das selbst aber niemals erlauben, denn an dem Punkt würde ich damit beginnen, mit Angst im Herzen Musik zu schreiben. Wenn ich mir diktieren lasse, was andere Menschen wollen, dann wäre es für mich an der Zeit, mir einen anderen Job zu suchen. Dann würde ich Briefträger werden, um diese Angst wieder loszubekommen. Die Fans sind mir durchaus sehr wichtig und auch was sie denken, aber immer erst ab dem Moment, ab dem sie ein fertiges Album in der Hand halten. Wenn ich komponiere, nehme ich weder auf mein Label, die Fans oder auf andere Stimmen Rücksicht. Ich wäre beispielsweise nie auf die Idee gekommen, auf dem zweiten Teil etwas zu ändern, nur weil mich zwei Hörer auf Amazon in den Rezensionen für einen Song abgestraft haben. Ich hoffe immer, dass die Leute meine neue Musik mögen, aber wenn dem nicht so ist, so habe ich einfach Pech gehabt. Ich ziehe unheimlich viel Freude aus meinem Schaffen und das ist wichtiger, als alles, was danach kommt. Heutzutage ist es sogar oft das einzige!

 

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Auf „Verfallen - Folge 2: Fassaden“ sticht der Song „Hinter den Flammen“ hervor, in dem zu zum Teil growlst und dich auf Death und Doom Metal Pfaden begibst. Ist dies eine Passion, die du nun endlich einmal ausleben durftest?

ASP: Nicht zum ersten Mal. Diese Härte ist an jenem Punkt der Erzählung geschuldet. Dazu muss ich sagen, dass es zwei Dinge gibt, die mich beim Schreiben schon immer beeinflusst haben und das sind klassische Gothic Rock Themen sowie der traditionelle Heavy Metal der Achtziger Jahre. Ich weiß, dass das viele Leute den angeblich nicht mögen, aber das ist meine private Erweckungszeit gewesen, die Zeit, in der ich angefangen habe, Musik für mich zu entdecken und zu lieben. Da gibt es genügend Bands, die ich heute immer noch höre, weil ich sie so großartig finde. Das darf auf einem ASP-Album alles seinen Platz und Raum finden! Und wenn es dem Ausdruck hilft, dann ohnehin. Die Geschichte wird an diesem Punkt härter und düsterer, deshalb war es notwendig, diese Stilmittel hervorzuholen und zu benutzen. Dass ich dabei auch zufällig noch verdammt viel Spaß hatte, war ein netter Nebeneffekt.

Wie bereitest du dich auf Stücke vor, die musikalisch neues bzw. fremdes Terrain betreten? Lässt du es einfach geschehen oder befasst du dich noch eingehender mit der entsprechenden Stilistik?

ASP: Im Gegenteil: Ich versuche mich sogar so wenig wie möglich damit zu beschäftigen. Wenn man sich Hörbeispiele heranzieht, dann ist die Gefahr groß, dass man sich bestimmte Elemente daraus zieht und sie als Versatzstücke auftauchen lässt. Eine Stilistik wie den Metal habe ich jedoch einfach im Blut. Schwieriger ist es unter Umständen für meine Mitmusiker, denn ich komponiere und schreibe zwar die Songs, doch eingespielt werden sie schließlich von meiner Band. Die sagen durchaus einmal: der ASP spinnt und hat eine Schraube locker. Aber bei diesen beiden Alben hatten wirklich alle Beteiligten einen enormen Spaß. Auch sie entdeckten zum Teil neue Ausdrucksweisen auf ihrem Instrument und letztendlich sind sie -gleich wie ich - mit der Musik der Achtziger und Neunziger aufgewachsen.

Besonders gelungen und ebenso überraschend ist der Dudelsackeinsatz in „Das Kollektiv“. Hat der Song nach diesem Element verlangt?

ASP: Der Dudelsack war eine fixe Idee. Die Nummer war an sich fast fertig, aber ich suchte nach etwas Organischem und gleichzeitig andersartigen an dieser Stelle. Zum Glück kenne ich die entsprechenden Leute und mein Freund Thomas Zöller ist so ein hervorragender Dudelsackspieler, der einen genialen Beitrag leistete. Der Song war in der entsprechenden Tonart angelegt, die der Dudelsack sehr gut ergänzen konnte, dem Ganzen eine gewisse Fremdartigkeit verleiht und eben nicht diesen Mittelalter-Stempel aufdrückt.

Kannst du dir vorstellen, dass diese Grenzerweiterung deiner Stilistik auch auf kommenden ASP-Alben in jenem Umfang fortgesetzt wird?

ASP: Auf jeden Fall. Vielleicht ist diese Härte und der teils rohe Sound ein Element, das in Zukunft möglicherweise stärker auftaucht. Gastbeiträge, wie auf dieser CD von Thomas Zöller oder der Geigerin Ally Storch, haben wir immer wieder einmal und das werden wir auch künftig beibehalten.

Machen wir an diesem Punkt einen kurzen Exkurs und tauchen in deine Vergangenheit ab. Mit welcher Musik bist du als Kind aufgewachsen, welches waren die ersten Künstler, die dein Interesse an der Musik geweckt haben?

ASP: Als Kind bin ich mit sehr viel Musik konfrontiert worden und aufgewachsen. Dabei wurde ich mit der Musik der Endsiebziger erzogen, unter anderem mit Jethro Tull und einer Menge Krautrock-Combos. Ebenso gerne habe ich Singer/Songwriter gehört, etwas das mir bis heute erhalten geblieben ist. Dazu gehört meine Vorliebe für Reinhard Mey, Konstantin Wecker und Hannes Wader, die mich weniger musikalisch als vor allem hinstichtlich des Umgangs mit Sprache enorm geprägt haben. Später folgten eine Menge LPs aus dem klassischen Achtziger Jahre Heavy Metal Sektor. Diese Platten von damals hatte ich leider irgendwann verliehen und nicht wieder bekommen, kaufte sie mir von meinem ersten Geld dann jedoch alle erneut. In meinem Leben gibt es mehrere Phasen, in denen mich bestimmte Dinge komplett neu erweckt und verändert haben. Als ich unter anderem das erste Mal Iron Maiden oder die Sisters Of Mercy hörte: Das waren zwei Momente, an denen ich wusste, dass sich nun etwas in meinem Leben verändert. Der dritte Moment geschah mit der Entdeckung von Type O Negative, die mir eine große, neue Tür eröffneten. Dadurch habe ich gespürt, das Musik - egal wie traurig oder melancholisch sie ist - mich stets glücklich macht. Da ich mich immer schon für kreativ veranlagt hielt, wollte ich das dann selbst auch kreieren, ganz gleich mit welchen Mitteln. Ich konsumiere auch heute noch vollkommen unterschiedliche Musikstile und habe mich nie auf eine Richtung eingeschossen. Dass sind eben Singer/Songwriter oder sehr extremer Metal, wie z.B. Sunn O))) oder Conan. Dazwischen darf alles passieren, es muss mich nur emotional bewegen, alles andere finde ich schrecklich.

Wie konsumierst du selbst Musik - bist du der klassische CD Hörer, der Vinyl Liebhaber oder inzwischen ebenfalls auf digitale Files umgestiegen?

ASP: Ich habe eine unfassbar große Sammlung an digitaler Musik, die ich jedoch nur noch dann höre, wenn es nicht mehr anders geht. Ich besitze einen MP3-Player, da dies auf Reisen oder Tournee meist die einzige Möglichkeit ist, um ein Hörbuch oder Musik zu konsumieren. Vor zwei Jahren bin ich jedoch wieder dazu übergegangen, mir Vinyl zu kaufen - seien es Neuerscheinungen, als auch alte Scheiben über Ebay. So komplettierte ich mir die Sammlung meiner Lieblingskünstler und ging schließlich wieder dazu über, mir bewusst ganze Alben anzuhören und nicht nur einzelne Songs. An dem Punkt habe ich gemerkt, dass dies der wahre Musikkonsum bzw. Genuss ist und alles andere eigentlich nur Mist. Wenn wir Besuch haben oder eine Party feiern, stelle ich schon Mal eine digitale Playlist zusammen, aber wenn ich selbst Musik höre, schiebe ich eine CD in den Player oder lege mir eine Schallplatte auf. Ich kann den Sound der digitalen Files nicht mehr ertragen. Das hat mit dem ursprünglichen Musikerlebnis nichts zu tun. Es ist wichtig, dass man sich Musik nicht zur Nebensache macht, sondern bewusst in seinem Wohnzimmer sitzt und sich mit einem Album beschäftigt. Ich will Musik genießen und deshalb habe ich in den vergangenen zwei Jahren so unvernünftig viel Geld dafür ausgegeben, dass man es keinem Menschen erzählen darf. Dadurch entdeckte ich viele neue Sachen, finde aber auch alte Schätze, mit denen ich die Lücken in meiner Sammlung schließen konnte. Ich kann es nur jedem empfehlen, dies wieder bewusst zu zelebrieren. Viele, die sich ihre Sammlung jetzt digitalisieren und ihre Kollektion auf Ebay verscherbeln, werden das später einmal bereuen. Tonträger und Bücher sind für mich wie ein Tagebuch. Ich kann dir zu jeder LP erzählen, wann ich sie zum ersten Mal gehört habe und was diese in mir ausgelöst hat. Das ist mein Ersatz einer Autobiographie. Ich habe an sich eine ganz schlechte Erinnerung, nicht zuletzt da ich die vergangenen 15 Jahre in einem Rausch von Arbeit verbracht habe. Aber wenn ich ein Album herausziehe, so ist das wie ein Anker meiner Vergangenheit, der die schönen Erinnerungen wieder auslöst. Ich kann es nur jedem sagen: Musik ist mit MP3 Files nicht tief erlebbar. Da ist soviel weggeschnitten und es fehlen Informationen, dass selbst die teuerste Anlage nichts bringt.

Bei der „Maskenhaft“-Veröffentlichung seid ihr bereits dazu übergegangen, ein spezielles Vinyl-Master zu erstellen, um ein maximales Klangerlebnis auf dem Format zu generieren. Werdet ihr dieses wiederholen?

ASP: Nein. Damals haben wir die CD doppelt abgemischt: Einmal deutlich plakativer für die tragbaren Geräte und ein weiteres Mal mit sehr viel Dynamik für die Stereoanlagen. Aber das war leider ein Fehler, denn die Konsumenten konnten das nicht nachvollziehen. Lediglich eine Hand voll Leute war dankbar dafür, was sie auf der dynamischen Abmischung zusätzlich entdecken konnte. Das Album bekam dadurch eine Plastizität, die es in der Form noch nicht gab. Der Großteil versuchte jedoch, beide Abmischungen über den MP3-Player zu hören und das ging natürlich schief - dafür waren sie nicht gemacht. Man hörte die Gesänge nicht richtig, die Gitarren drücken nicht mehr, weil es dafür einfach nicht geschaffen ist. Daher fand das der Großteil doof. Viele haben gar nicht mehr die Gerätschaften Zuhause, um ein solches Album adäquat abzuspielen. Deshalb würden wir dieses Experiment nicht mehr machen. Rein für die Vinylkäufer gerne, ja! Aber die Auflagen sind zu gering, weshalb der Inhalt unseres Sparschweins leider nicht mehr ausreicht, dafür um eine eigene Abmischung zu rechtfertigen. Heute mischen wir so, dass es zumindest auf der heimischen CD-Anlage geil klingt.

In dem Booklet der CD appellierst du an deine Fans, deine Musik nicht über Online- oder Video-Plattformen zu verbreiten. Das ist generell ein Dauerärgernis für viele Künstler. An welchem Punkt wurde für dich dabei eine Grenze überschritten?

ASP: Wir sprechen im Grunde von der Enteignung einer kompletten Berufsgruppe. Ich kann es dem Endkunden nicht vorwerfen, wenn er bevorzugt, Musik über YouTube zu konsumieren. Das Problem ist eben nur, dass du als Künstler von diesen Geldern nichts abbekommst. Google hat in diesem Jahr erstmalig Apple als weltweit erfolgreichsten Konzern abgelöst. Damit haben wir etwas herbeigeführt, dass es seit Anbeginn der wirtschaftlichen Aufzeichnung noch nicht gab: Es steht ein Konzern an der Spitze, der nichts herstellt und nichts produziert. Allein über Werbung wurden über 20 Milliarden eingenommen - und das geschieht über das teilweise illegale zur Verfügung stellen kreativ-künstlerischer Inhalte. Jene Konzerne sind jedoch nicht bereit, diese Einnahmen adäquat mit jenen zu teilen, die ihnen den Inhalt zur Verfügung stellen. Das ist für mich inakzeptabel, weil ich es als Mensch einfach nicht einsehen möchte. Wenn ich vorausschaue, so ist es eine einfache Rechnung: Meine Musiker muss bezahlt werden, mein Graphiker muss bezahlt werden und ich möchte ebenfalls bezahlt werden für meine harte Arbeit. Wenn ich es mir in zehn Jahren allerdings nicht mehr leisten kann, ein Studio zu betreten, meine Musiker zu bezahlen oder ein Artwork erstellen zu lassen, muss ich die Musikerkarriere an den Nagel hängen. Wenn die Leute nicht mehr bereit sind mir als Künstler etwas zu geben, so bin ich nicht mehr in der Lage, ihnen etwas zurückzugeben. Ich bin ratlos, wie es weitergehen wird und ich will mich bei meinen Fans auch nicht unbeliebt machen, indem ich ihnen dauernd erzähle, dass sie meine Musik auch bezahlen müssen. Warum kann man nicht weiterhin das altbewährte System benutzen, das hervorragend funktioniert und da heißt: Kauf dir etwas, du bekommst etwas. Es ist ja wirklich kein hoher Preis. Du kaufst dir eine CD oder eine LP und erhältst damit das Recht, diesen Tonträger so oft und so lange du willst, zu konsumieren.

Alle sehen Dienste wie Google, YouTube oder Facebook als das Heil der Menschheit an - ganz egal, wie viel persönliche Daten sie sammeln. Irgendwann weiß Facebook, welche Art Mensch du bist und kann Dinge vorhersehen, weil du auf eine bestimmte Weise deine Spuren im Internet hinterlässt. In ein paar Jahren wird dir bereits bevor du fremdgegangen bist, ein guter Scheidungsanwalt empfohlen. Das wird passieren und dafür gibt es keinerlei Kontrollinstanzen. All das basiert nur auf der Einstellung, alles sofort, immer und überall und möglichst umsonst haben zu wollen.

 

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Beide Folgen von „Verfallen“ basieren auf der Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ von Kai Meyer. Was hat dich persönlich daran so berührt und gefesselt, dass du dieses Konzeptepos darauf aufgebaut hast?

ASP: Gott sei Dank ist Kai so gut, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass er etwas schreibt, was mich dann auch fesselt. Die Entscheidung, gemeinsam etwas zu machen, haben wir ja bereits im Vorfeld getroffen. Kai hatte die Idee, dass die Geschichte in Deutschland spielt und nicht am anderen Ende des Planeten. Sprich, eine Horrorstory in greifbarer Nähe für alle. Es war ebenfalls Kai, der schließlich die Idee hatte, das Ganze in dem Hotel Astoria in Leipzig spielen zu lassen. Wenig später schrieb er diese Kurzgeschichte – die so kurz nun wiederum gar nicht ist! Darin waren schließlich Elemente, die mich total fesselten. Es existierten gewisse Kleinigkeiten, die mich ansprachen, wie beispielsweise die Haare, die durch das Gebäude wehen und ganz besonders eben die Gestalt dieses Schatten-Umriss-Mannes. Ich fragte mich, was ist das für ein Wesen? Dann hat es Klick gemacht und mir war klar, dass ich eine Geschichte haben möchte, die genau das erklärt. Das war an sich erst einmal nicht das, was Kai sich vorstellte, aber mich hat eben etwas ganz anderes gelockt, dessen Spur ich dann gefolgt bin. Hätte Kai nicht diese Köder ausgelegt, wäre ich wohl nicht so stark davon angezogen geworden. Ich bin froh, dass es passiert ist, denn das macht das Schreiben viel intensiver und spannender.

Du erzählst auf beiden Alben im Grunde die Vorgeschichte zu Kais Geschichte „Das Fleisch der Vielen“. Hattest du dich während des Songwritings bzw. dem Verfassen der Texte noch mit Kai ausgetauscht?

ASP: Wir sprachen zwischendurch immer mal wieder, da mir Kai auch gewisse Anregungen und Hinweise gab. Ich sehe beide Alben wie eine Art Labyrinth durch das man geführt wird und am Ende schließlich bei der Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ landet. Das Ende war so gesehen klar definiert, nur wusste man eben gar nicht, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Mein Anspruch war es, eine Geschichte mit einigen Wendungen zu schreiben, die gleichfalls spannend und unvorhersehbar ist. Die zweite große Herausforderung, die ich alleine bewerkstelligen musste, war es, das Ganze dauerhaft interessant zu gestalten und die einzelnen Songs emotional nachvollziehbar zu machen. So dass man die Scheiben nicht einmal hört und sagt: Gut gemacht, stelle ich mir in den Schrank; sondern ebenso oft und gerne auflegt wie ein reguläres Album ohne Konzept. Daher war es mein persönlicher Anspruch, wertvolle Einzelstücke zu komponieren, die wir gleichfalls herauspicken und zwischen anderen Stücken in ein Live-Set integrieren können. Dazu diente mir dann die Geschichte mit Paul, der unglücklichen Liebe und dem ein oder anderen Mord.

Gewürzt wird diese komplexe Geschichte mit raffinierten Details, wie beispielsweise dem Schmetterling, der gegen Ende des ersten Teils aufsteigt. Wie wichtig sind solche charakteristischen Querverweise?

ASP: Dieses Selbstreferenzielle habe ich schon immer sehr gemocht. Manche meiner Fans winken zwar schon ab, aber zum Glück mache ich die Musik und erlaube mir jene Freiheiten einfach. Sonst hätte Steven King die letzten Bände seines Turms nicht schreiben dürfen. Aber immerhin habe ich mich als Person nicht selbst reingeschrieben, was aber nicht heißt, dass ich das nicht irgendwann einmal noch tun werde.

Welche Reaktion hattest du von Kai auf „Verfallen - Folge 1: Astoria“ erhalten bzw. kennt er bereits die Texte von „Verfallen - Folge 2: Fassaden“?

ASP: Er kennt Einzelteile, aber ich erlaube mir ihm gegenüber, diese Häppchen chronologisch zu geben, um ihm den Spaß nicht zu verderben. Für ihn ist der Teil meiner Geschichte, die an seine anknüpft, ebenso neu. Während der Produktion sind jedoch auch mal Songs, die später am Ende der CD stehen werden als erstes fertig, daher wird Kai erst kurz vor Veröffentlichung erstmals am Stück hören, was ich da aus seiner Geschichte gemacht habe. So wie ich ihn kenne, ist ihm das lieber, denn er ist genauso wenig wie wir ein Häppchenhörer, sondern setzt sich bewusst hin, konzentriert sich und erlebt es. Er ist wie ich ein Sammler von Filmen, Büchern und Musik, was ihn für mich unheimlich sympathisch macht. Kai ist immer selbst noch Fan geblieben; von guten Horrorstories, fantastischer Literatur und guter Musik. Wir mögen beide zum Teil völlig obskure Dinge und das ist einfach schön.

Was gefällt dir an seinem Schreibstil bzw. seinen Geschichten; was kennzeichnet ihn in deinen Augen besonders?

ASP: Ich kenne und schätze seine Romane seit vielen, vielen Jahren und habe seine Entwicklung miterleben dürfen. Er hat früher einige großartige Gruselromane geschrieben, wie beispielsweise „Der Schattenesser“ oder „Rattenzauber“. Heute schreibt er eher für Jugendliche, aber so, dass es Erwachsene ebenfalls gut finden. Was mich aber am Meisten an ihm beeindruckt, ist jene unglaubliche Fülle an Ideen, die er so farbenfroh verfolgt und die mich immer wieder verblüffen. Er schafft es, abstruse Ideen mit Realität zu füllen und das gefiel mir schon immer sehr. Diese Maxime versuche ich in meinen Songtexten ebenfalls zu verfolgen. Je mehr Phantastik man benutzt, umso größer muss die Realität sein, mit der man das unterfüttert. Man darf die verrücktesten Geschichten erzählen, aber muss dabei logisch bleiben. Zumindest logisch in seiner Konsistenz, was die eigene Welt betrifft. So wie Kai immer sehr viel über seine Schauplätze recherchiert, so habe auch ich mich viel mit der Geschichte der Zwanzigerjahre befasst. Und trotz der Segnung des Internets, war es beispielsweise schwierig, etwas über die damaligen Fahrpläne oder das Schienennetz herauszufinden. Ich dachte, dass es anno 1919 nur Dampflokomotiven gab und nichts anderes. Das stimmt jedoch nicht. Wenn man genau solche Fakten stimmig in sein Konzept unterbringt, nimmt einem das Publikum ganz viel Verrücktes ab. Das war mir immer schon wichtig und führte durchaus zu wilden Diskussionen mit anderen, gegen die ich mich durchsetzen musste - beispielsweise beim Artwork. Kai schreibt eine Trilogie über fliegende Teppiche und nach spätestens vier Seiten, ist man in seiner Welt drin und fasziniert. Seine Romane sind wie ein Film, nach wenigen Minuten ist man vollkommen darin gefangen und dann geht es 300 Seiten lang nur ab. Was ich heimlich nun auch einmal verraten muss: An Kai muss man einfach mögen, dass er so ein toller Mensch mit so einem hohen Output und einer schreiberischen Geschwindigkeit ist - in einer Qualität, die der absolute Wahnsinn ist. Zudem ist er vollkommen auf dem Boden geblieben, hat keinerlei Allüren und ist ein ganz bedachter, zugleich begeisterungsfähiger Mensch, der sich auch mal in Rage reden kann, wenn ihm etwas gefällt. Er ist in seinem Tun zu einhundert Prozent authentisch und das soll ihm erst einmal jemand nachmachen.

Beide Teile haben sehr zentrale Schlüsselnummern, in denen vieles offenbart wird. Auf Teil zwei ist beispielsweise „Köder“ ein solch essentielles Stück, in dem Paul eine Art Geständnis ablegt. Wie siehst du das?

ASP: Für mich war ab der Hälfte des zweiten Albums klar, dass ich viele Schlüsselszenen gleichzeitig unterbringen muss. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Songs wie einzelne Kapitel sind, in denen viel offenbart wird, während im ersten Teil vieles nur angedeutet und der Hörer auf tote Pfade gelockt wurde. Deshalb benutze ich bestimmte Stücke ganz bewusst, um ein bestimmtes Kapitel abzuschließen und innerhalb von sechs Minuten zum Ende zu bringen. Dabei habe ich versucht, möglichst schnell auf den Punkt zu kommen, was ich mir teilweise erst beibringen musste. Deshalb freue ich mich schon darauf, künftig wieder die eine oder andere Nummer zu schreiben, in der ich ausschließlich der Sprache folgen kann. Diese Orgie an Kürzungen, die ich dieses Mal vornehmen musste, die möchte ich nicht noch einmal erleben müssen. Bei einem Roman mit 800 Seiten kann ich mal für 30 Seiten abweichen, aber bei einem Rockalbum mit 79 Minuten Spielzeit, ist das leider nicht machbar, ohne völlig uferlos zu werden. Ich wollte jedoch, dass es sich zuspitzt und spannend bleibt, wodurch eben einige Extended-Ideen in die Schublade wandern mussten. Mein Ziel war, den Hörer atemlos zurückzulassen.

„Verfallen - Folge 2: Fassaden“ endet mit der Nummer „SouveniReprise“. Ist damit das Ende der Geschichte mit einem deutlichen Schlusspunkt besiegelt oder existiert noch Raum zur Spekulation eines alternativen Endes?

ASP: Es deutet an, was passieren könnte und ist ein typisches Horrorfilm-Ende. Auf der anderen Seite knüpft es direkt an Kais Geschichte an. Und dann passiert genau das, worauf wir über zwei Alben hinweg hinzugearbeitet haben: Man kann direkt im Anschluss Kais Geschichte lesen.

Du liest ohnehin sehr gerne und schätzt Schriftsteller wie Stephen King, Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft; schimmern diese indirekt oder unbewusst auch beim Schreiben deiner Texte durch?

ASP: Ja, ganz bestimmt. Ich denke, wenn man den „Fremder“-Zyklus als Poe-Einflussbereich bei mir erkennt, dann ist jetzt Lovecraft ganz vorne mit von der Partie. Ein wenig King ist in meinen Texten immer mit dabei, den ich verehre, aber nicht deshalb, weil er so gruselige Geschichten schreibt, sondern weil er eine unglaublich gute und eloquente Charakterentwicklung betreibt. Seine Bücher sind ohnehin faszinierend, aber es sind vor allem die individuellen Charaktere, an denen man dranbleiben möchte. So soll auch mein Paul funktionieren, ich hoffe, es ist gelungen.

Fandest du in den vergangenen Monaten noch Zeit, ein Buch zu lesen? Oder anders gefragt: Worin bist du aktuell vertieft?

ASP: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich in den vergangenen, arbeitsintensiven Monaten meist nach drei Seiten Lesens bereits einschlafe. Ich stehe selbstmotiviert gegen sechs Uhr morgens auf, weshalb abends nicht mehr viel mit sozialem Leben, Entertainment und Vergnügen her ist. Neben meinem Bett befindet sich immer ein kleiner Stapel an Büchern, unter anderem habe ich Edgar Allan Poe wieder ausgegraben. Ebenso gönne ich mir ab und an ein kleines Gedicht, über das ich dann vor dem Schlafengehen nachgrüble.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Kai Meyer?

Asp: Wir kennen uns nun schon sehr lange, Kai und ich. Im Jahre 2005 hatte ich Kai mein damals neues Album „Aus der Tiefe“ geschickt. Darauf basiert unser Kontakt. Ich hatte damals angefangen, immer einer Person eine CD zu schicken, die mich im Produktionsjahr mit ihrer eigenen Kunst in irgendeiner Form begleitet hat. Und das war damals Kai mit seinen Romanen. Das ist in die „Aus der Tiefe“ gar nicht eingeflossen; seine Bücher waren aber etwas, was ich damals zwischendrin mit viel Vergnügen gelesen habe. Ich wollte mich für diese schönen Stunden schlicht bedanken und schickte zum Zeichen dieser Dankbarkeit die CD. Er hatte mir damals tatsächlich sehr freundlich zurückgeschrieben, und dann entwickelte sich nach und nach ein Gespräch, wir trafen uns und kamen ins Plaudern. Wir haben festgestellt, dass wir viel gemeinsam haben, vor allem natürlich unsere Vorliebe für phantastische Literatur! Schnell fassten wir den Plan, einmal zusammen zu arbeiten. Nach einigem gemeinsamen Herumspinnen hatte Kai die zündende Idee mit dem Hotel in Leipzig und schließlich legte er mit seiner Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ einen Grundstein für alles.

Kommen wir zum Mittelpunkt des Konzeptes, dem Hotel Astoria in Leipzig, zu dem dich Kai Meyer brachte. Wie konnte er dich damit begeistern?

ASP: Anfangs war ich ein wenig skeptisch, nicht weil ich die Idee nicht gut finde, sondern weil jeder hingehen und sich das Gebäude ansehen kann. Das empfand ich als befremdlich. Da man in das Gebäude jedoch nicht reinkommen kann, war es schon wieder interessant und Gold wert. Als ich begann, über das Hotel zu recherchieren, bemerkte ich, dass mir Kai bereits drei Schritte voraus war und den absolut richtigen Riecher besaß. Ich denke, dass ohnehin von verfallenen Gebäuden eine große Faszination ausgeht und Geistergeschichten dadurch auch niemals aus der Mode laufen. An diesem Ort, dem Hotel Astoria, waren in der Vergangenheit so viele Personen zugegen und die Vorstellung, dass jede von ihnen etwas zurücklässt, ist großartig. Da waren so unterschiedliche Menschen aus allen Herren Ländern und für eben solche Geschichten hat der Kai einen besonderen Blick und ließ jenen bestimmten Kiesel fallen, die in mir eine Lawine auslösten.

 

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Hattest du dich selbst auch vor Ort für die beiden „Verfallen“-Folgen inspirieren lassen?

ASP: Ich wollte das Astoria so beschreiben, wie ich es zufällig bei einem Besuch empfunden habe. Und das war ein großes totes Objekt inmitten einer Stadt, in der sprichwörtlich die Post abgeht. Denn gerade rund um den Bahnhof in Leipzig ist immer etwas los. Als ich damals diesen riesengroßen Klotz gesehen habe, war der Anblick an sich schon surreal - diesen Eindruck habe ich mir innegehalten und bin ganz bewusst nicht noch einmal dorthin gefahren. Jetzt, wo die Geschichte jedoch erzählt ist, werde ich ganz bestimmt noch in diesem Jahr nach Leipzig fahren und mir das Hotel ansehen, um es außerhalb dieses Produktionswahnsinns zu genießen. Wenn man in dem angrenzenden Hotel die richtigen Zimmer bekommt, kann man von oben auf das Astoria sehen und den Anblick auf sich wirken lassen, wie das Hotel nachts inmitten von Leipzig liegt. Dort brennen keine Lichter, es ist wie ein großer schwarzer Fleck inmitten einer beleuchteten, lebendigen Stadt. Auf diesen Anblick freue ich mich. Vielleicht lässt man mich ja, nach alldem was nun geschrieben wurde, sogar rein.

1915 wurde das Astoria erbaut und im Juni 2015 scheint sich laut Wikipedia nun ein neuer Investor gefunden zu haben, der das Gebäude wieder eröffnen möchte. Verfolgst du die Entwicklung und würdest du eine Wiedereröffnung begrüßen?

ASP: Ich glaube nicht daran. Soviel ich weiß, ist der neue Besitzer eine Holding, eine Finanzgruppe, die damit vermutlich genauso wenig machen wird, wie ihre Vorgänger. Um das Astoria zu restaurieren und adäquat wiederzueröffnen, müsste man Milliarden investieren - da ist man besser bedient, es abzureißen und neu aufzubauen. Das Problem -das auch tatsächlich besteht und ich nicht erfunden habe - ist, dass die Keller überflutet sind. Diese Nässe sitzt so tief in dem Gemäuer und wird mit jedem Jahr schlimmer, sodass es sich keiner ans Bein binden möchte, das Hotel nochmals zu eröffnen, auch wenn wir das gerne glauben wollen und es den Leipzigern auch vergönnt wäre. Schließlich steckt unheimlich viel Geschichte in den Bau, allein durch die ganzen Regierungschefs, die dort abgestiegen sind. Aber wenn ein Gebäude dieser Dimension derart marode ist, wird es weiter verfallen, bis es irgendwann schließlich abgerissen wird und der alte Zauber nur noch der Vergangenheit angehört, so meine Prophezeiung.

Du hast die beiden Alben wie gewohnt im Alleingang komponiert und geschrieben. Beim Arrangement und der Produktion kam dann Lutz Demmler ins Spiel, der auch eine Vielzahl der Instrumente eingespielt hat. Wie schaffst du es, ihm deine Vision zu vermitteln?

ASP: Das spielt sich relativ unromantisch ab: Ich stelle in meinem Kämmerlein Demos her und vermittle ihm meine Ideen mit Hilfe eines Kompositionsprogramms bereits relativ präzise. Das soll seine Rolle in keiner Weise schmälern, denn er spielt alle Instrumente und überprüft alles. Ich bin kein Gitarrist und er setzt meine Ideen letztendlich so um, dass sie spielbar sind und meinen Vorstellungen so nahe wie möglich kommen. Er hat ein unfassbar gutes Gespür dafür, da wir auf einer Wellenlänge liegen und man merkt, dass er ein unglaublich erfahrener Studiomusiker ist. Er macht auch viele, sehr gute Vorschläge und lehrt mich auf bestimmte Dinge Rücksicht zu nehmen, damit ein Song am Ende perfekt funktioniert. Ich schreibe die Songs letztendlich elektronisch und benutze Dinge, die zwar wie ein Bass oder ein Schlagzeug klingen, aber es eben nicht sind. Er übersetzt das dann, arrangiert es und bringt den menschlichen Faktor für unsere Instrumentalisten ein, die das am Ende einspielen.

Lutz und auch Sören stießen beide Ende 2011 zu dir und sind zwei wichtige Konstanten an deiner Seite geworden. Was schätzt du an den beiden besonders - was zeichnet sie aus?

ASP: Ich schätze an allen meinen Mitmusikern unheimlich viele Dinge, denn am Ende ist es eine Bandleistung und man hört das Können der einzelnen Musiker ebenso heraus. Um jedoch die wichtigsten Dinge einmal herauszugeben, so ist es bei Lutz, dass er sich während der Produktionsphase immer 110% auf die Sache konzentriert und einlässt. Das rechne ich ihm hoch an, da er - gleich wie ich - ein unerträglicher Perfektionist ist. Er kann keine halben Sachen machen und ist für mich deshalb ein absolutes Geschenk.

Sören kommt meist erst dazu, wenn die Musik geschrieben ist und spielt seine Parts dann ein. Was an ihm so wunderbar ist, dass er in so viele unterschiedliche musikalische Rollen schlüpfen kann und damit jedem Song noch das gewisse Etwas verleiht. Alles, was ein anderer Musiker im Studio sehr gut machen würde, macht er eben noch eine Extraportion geiler.

Ein weiterer wichtiger Name innerhalb des „Verfallen“-Zyklus ist Vincent Sorg, der für den Mix und das Mastering zuständig ist und dieses Mal sogar einen Song mit dir geschrieben hat: „Ich bringe dir nichts mehr“, worauf er auch Klavier spielt. Wir kam es zu dieser noch engeren Kooperation?

ASP: Vincent und ich verstehen uns seit vielen Jahren sehr gut. Er ist mit jeder Scheibe noch ein Stück tiefer in die ASP-Welt hineingewachsen, um uns noch besser zur Geltung zu bringen. Er macht viele große, erfolgreiche Produktionen. Da zählten wir eigentlich eher zu den kleineren Acts. Daher bewundere ich es, wie intensiv er sich auf uns einlässt und uns auf jedem Album noch mehr Verständnis entgegenbringt, denn letztendlich produzieren wir Musik, die weder Radiotauglich noch für den Ottonormalbürger geschaffen ist. Er findet dabei jedoch eigene Wege, unsere Musik ganz groß und international klingen zu lassen, ohne unsere Eigenständigkeit einzuschränken. Das macht er bei sehr ASP dienlich und er lässt sich eindrucksvoll auf uns ein. Neben der Freundschaft, die wir uns über die Jahre unserer Zusammenarbeit aufgebaut haben, bemerkten wir ebenso, dass wir auch musikalisch etwas gemeinsam auf die Beine stellen können. Vor ein paar Jahren hatten wir mal eine Klavierversion des ASP-Songs „Rücken an Rücken“ zusammen aufgenommen, wo ich dann merkte, dass er ebenfalls in jenen verrückten Kosmos hineinpasst. In solchen Momenten stellt er sich und seine Fähigkeiten komplett in den Dienst des Liedes. Dieses Mal ergab sich schließlich die Gelegenheit, etwas Gemeinsames zu machen, was durchaus ungewöhnlich für mich ist, da ich einerseits sehr schüchtern und zurückhaltend bin und ungern andere an meine Babys heranlasse. Vincent kann man diese jedoch guten Gewissens in die Hand geben, weil er stets einen Weg findet, Songdienlich zu arbeiten. Ich war für zwei Tage bei ihm im Studio und wir haben an einem der Tage schließlich auf die Beine gestellt, was man nun auf der Platte hören kann. Das war einer der verrücktesten Tage in meinem Leben, einer, an dessen Ende man erschöpft auf sein Gesicht fällt und nicht mehr weiß, wie man überhaupt heißt. Das war eine verrückte, kreative Reise und er hat in jede Note, die er auf dem Klavier spielt, unheimlich viel Seele und Herzblut reingesteckt.

Für die optische Umsetzung leistete Joachim Luetke ganze Arbeit. Diese geht mit deiner Musik und den Texten Hand in Hand. Wie eng darf man sich eure Zusammenarbeit vorstellen? Sprich, gibst du ihm - wie beispielsweise Lutz - ebenso konkrete Vorgaben oder lässt du ihm vollkommen freie Hand?

ASP: Es war ein Mittelding aus beidem. Ich suchte für das gesamte „Verfallen“-Thema jemanden, dem ich das komplette Projekt in die Hand geben konnte. Normalerweise bin ich immer sehr tief in die Artworks involviert und gelte als entsprechend unerbittlich. Das heißt nicht, dass die Artworker es alle nicht mögen, mit mir zusammenzuarbeiten, aber dieses Mal wusste ich, dass wenn ich diesen Wahnsinn mit beiden Alben schaffen will, ich mich nicht in dem gewohnten Umfang um die Artworks einbringen kann, wie ich es normalerweise tue. In der Regel erstelle ich eine schriftliche Skizze bzw. eine Art Drehbuch davon, was ich später sehen möchte. Dieses Mal schrieb ich ein ausführliches Briefing, das ich Joachim Luetke in die Hand drückte, womit er dann gearbeitet hat. Das ist etwas, was ich in dieser Form nicht mehr machen würde, denn ich bin einfach viel zu unruhig, wenn ich dort meine Finger nicht drin haben kann. Dazu braucht es ein so großes Vertrauen, wofür ich einfach nicht gemacht bin. Dennoch hat der Joachim wirklich eine ganz großartige Arbeit abgeliefert und ich bin heilfroh, dass er es so gut gemacht hat. Mich macht es nur einfach viel zu unruhig, wenn jemand für mich Sachen übernimmt und ich gar nicht weiß, was genau hier passiert. Ich kann ganz schlecht loslassen - und das war mir eine große Lehre. Was man letztendlich auf beiden Alben zu sehen bekommt, ist im Ergebnis klasse und wurde wunderbar umgesetzt. Ich bin heilfroh, dass das alles so wunderbar funktioniert hat, denn letztendlich steht am Ende mein Name drauf und ich bin es gewohnt, alles so lange durch den Fleischwolf zu ziehen, bis ich vollauf zufrieden bin. Wenn dann noch irgendwo ein Fehler auftaucht, so ist es alleine meine Schuld.

 

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Generell ist deine visuelle Erscheinung eine wichtige Komponente im gesamten ASP-Kosmos. Entsprang diese vom Gründungstag Eins im Sommer 1999 aus einem essentiellen Punkt heraus oder entwickelte sich das künstlerische Gesamtkonstrukt ASP erst nach einiger Zeit?

ASP: Das entwickelte sich nach und nach. Wir waren schon durchaus stark visuell ausgerichtet; sei es anhand der Artworks oder der Pressefotos, hatten es aber noch nicht so im Detail, wie es heute der Fall ist. Ich denke, dass wir dadurch auch unseren Plattenvertrag erhalten haben, denn die Leute konnten sehen: Das hier ist ein Gesamtkunstwerk - hier ist alles wichtig. Der Rest entwickelte sich nach den gegebenen Möglichkeiten zufolge. Ich wollte immer schöne Artworks haben und dabei die Elemente umsetzen, die im Text und der Musik vorkommen. Das war jedoch auch immer eine Frage der finanziellen Mittel und sobald es da neue Kapazitäten gab, haben wir entsprechend investiert und uns Schritt für Schritt mehr ermöglicht. So ging es Jahr für Jahr weiter, bis hin zu neuen Möglichkeiten hinsichtlich der Verpackung. Bei der „Requiembryo“-Scheibe haben wir beispielsweise mit speziellen Folien gearbeitet, während wir beim Album „Fremd“ einen besonderen Lack einsetzten, durch den wir auf den einzelnen Bookletseiten versteckte Botschaften unterbringen konnten - je nachdem wie man sie ins Licht hielt. Das sind alles nicht alltägliche Dinge, die nur schwer umsetzbar waren und auch unsere Partner vor neue Herausforderungen gestellt haben.

Es war überraschend, dich auf den Bildern zu „Verfallen“ erstmals mit Haaren zu sehen. Brachte das Album indirekt diese Veränderung mit sich, zumal Haare innerhalb des „Verfallen“-Konzepts eine wichtige Rolle spielen?

ASP: Es ist das allererste Mal, dass dies in einen solchen Zusammenhang gebracht wird. Es wurde über nichts auf der CD so viel geredet, wie über meine Frisur. Wir haben uns überlegt, in welcher Welt wir bei diesem „Verfallen“-Thema leben und als es darum ging, die Pressefotos zu machen, wollte ich eine Geschichte erzählen, die man mit jener visuellen und der Erzählwelt verknüpfen kann. Als würde man noch eine weitere, zusätzliche Geschichte erzählen. Die Idee war es, das ich als Person in diesem Hotel gefangen bin und zu einer ganz anderen Zeit als Paul dort umherirre, weil mich irgendeine Kraft nicht wieder hinauslässt. Wir wollen dabei den Moment einfangen, nachdem ich dort tagelang umhergeirrt bin. So fing ich an, mir die Haare wachsen und einen Bart stehen zu lassen, um das zu leben und nachzuempfinden, was dort passiert. Meine erste Amtshandlung war es, mich in meinem feinen Zwirn in dem Staub und den Spinnweben zu wälzen, auf einem so kalten Boden, wie ich es bisher noch nie erlebt habe. Wir hatten ein achtstündiges Shooting und es war ungelogen so bitterkalt, dass man den Atem sehen konnte. So lag ich auf dem Boden, auf alten, rostigen Bettgestellen - und es war einfach nur noch eine Tortur. Nach zwei dieser acht Stunden hatte ich bereits die Nase gestrichen voll, aber wir haben es knallhart durchgezogen und ich war daraufhin in dieser Hotelwelt noch mehr gefangen.

Inzwischen gibt es noch eine zweite Komponente, denn während einem solch intensiven Arbeitsjahr, habe ich ganz einfach nicht die Zeit, mich permanent so in Schuss zu halten, wie sich die Fans das gerne wünschen würden. Mein Gott, ist das nicht komplett schräg? Zum Glück ist mein Umfeld so freundlich und lässt mich das so machen, denn diese Astoria-Geschichte neigt durchaus zum Ungepflegt sein. Ich bin ja nun auch schon etwas reifer und darf eigentlich froh darüber sein, noch ein solch flächendeckendes Haargeflecht zu besitzen. Das muss aber nicht für immer so bleiben.

Gibt es denn nun nach baldiger Veröffentlichung von „Verfallen - Folge 2: Fassaden“ die Überlegung beide Werke am Stück live aufzuführen?

ASP: Nein. Es wäre tatsächlich ein großer Wunsch von mir das tun. Aber es spricht vieles leider dagegen. Einerseits sehe ich diese enorme Textmenge als kritisch an - ich bräuchte mehrere Monate Zeit, um all das auswendig zu lernen. Nur weil ich die Texte geschrieben habe, heißt das noch lange nicht, dass ich sie auswendig herunterbeten kann. Zudem müsste man zwei solche Alben mit einem großen Streichorchester und einem Chor aufführen, denn viele Songs bedeuten einen großen, technischen Aufwand. Die Bühne und die Dekoration müssten mit einem immens großen Aufwand inszeniert werden und das wäre eine organisatorische Großtat, für die ich im Moment nicht bereit wäre. Ich kenne Bands, die ihre Alben zum Teil ganz performt haben und finde das auch eine tolle Sache. Paradise Lost haben das zum Beispiel gerade gemacht, aber sie verwenden auch nicht diese Art der Erzählung, die wie ein Monster über ihnen schwebt. Man kann dies im Studio sehr gut umsetzen und ich könnte die Stücke auch alle live entsprechend singen, aber man müsste Unsummen in die Umsetzung investieren und das gibt auch mein Sparschwein leider nicht her. Vielleicht wäre das für die Zukunft jedoch einmal eine Crowdfunding-Idee.

Wie wird es kompositorisch nach „Verfallen - Folge 2: Fassaden“ weitergehen, wirst du dich wieder dem „Fremder“-Zyklus widmen und den Nachfolger zu „Maskenhaft“ komponieren?

ASP: Ja, das werde ich und ich freue mich wie ein Kleinkind darauf. Obwohl dieses vergangene Jahr der pure Wahnsinn war und ich mir nun gerne mal zwei Wochen Urlaub inmitten der Natur gönne würde, freue ich mich darauf und vermisse es, an dem „Fremder“-Zyklus zu arbeiten. So schön die Sache mit Kai, dem Konzept und beiden Alben auch war, ich bin froh darüber, nun wieder in meine Welt zurückkehren zu dürfen. Ich kann die Zügel wieder lockerer lassen, denn ich muss hierbei keinen Roman schreiben und bin weitaus freier. Ein Song darf auch mal ein Song sein, der für sich alleine steht. „Maskenhaft“ war konzeptionell bereits sehr anspruchsvoll und ich freue mich, zumindest wieder auf diese Ebene zurückgehen zu dürfen und nicht eine bestimmte Story erfüllen zu müssen. Wenn ich am Ende dann zwei Songs übrig habe, kann ich sie theoretisch auf die nächste CD schieben. Dieses Mal musste ich mich entscheiden, ob ich noch einen dritten Teil schreibe oder die Story in diesem zweiten Teil zu Ende bringe. Das muss ich beim „Fremder“-Zyklus nicht und kann mir den Luxus gönnen, eine Zeile zu schreiben, die keinen konkreten Zweck erfüllt, um die Story voranzutreiben, sondern einfach aufgrund ihrer Schönheit existieren darf. Darauf freue ich mich sehr und es ist befreiend, jetzt aus jenen finster-morbiden, so düsteren Astoria-Gemäuern hervortreten zu dürfen, um ins Freie zu gelangen und endlich zu sagen: Es war schön. Ich habe gerne hier übernachtet. Es war luxuriös und auch gruselig, aber jetzt darf und möchte ich wieder etwas anderes sehen …


Bildmaterial: Copyright by Joachim Luetke

Zuletzt aktualisiert: Sonntag, der 12. Juni 2016
 

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