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Michael R. Fletcher (deutsche Übersetzung - 09.09.2016)
Geschrieben von Swantje
Freitag, der 09. September 2016

Interview mit Michael R. Fletcher

MRFLETCHER300pxl

Literatopia: Hi Michael, vor einer Weile hast du „Chroniken des Wahns“ (Originaltitel: Beyond Redemption) geschrieben, einen Fantasy-Roman, der auf einem ungewöhnlichen und faszinierenden Konzept basiert. Wie würdest du dieses Konzept erklären und wie bist du auf die Idee gekommen?

Michael R. Fletcher: Die Grundidee von “Chroniken des Wahns” ist ziemlich einfach: Die Realität wird vom Glauben der Menschheit geformt. Wenn du genug Leute von etwas überzeugen kannst, wird es real. Ich liebe die Idee, dass dies den Menschen ermöglichen würde, ein Utopia zu schaffen. Natürlich habe ich eine dunklere Geschichte daraus gemacht:

Wenn sich die Realität menschlicher Überzeugung beugt, wozu sind dann die Wahnsinnigen fähig? Was könnten Pyromanen tun? Wozu wären Soziopathen fähig, die sich nach Verehrung und Aufmerksamkeit sehnen? Was wäre mit Kleptomanen oder Menschen mit Schizophrenie oder Cotards Syndrom?

Der Keim für diese Geschichte entstand vor einer ganzen Weile, als ich noch als Audio-Ingenieur gearbeitet und Alben für Bands aufgenommen habe. Ich habe mit „Dirty Penny“, einer lokalen Band in Toronto, an einem Album gearbeitet. Eines ihrer Lieder war eine sehr seltsame Nacherzählung des Konflikts zwischen dem spanischen Konquistador Francisco Pizarro und Atahualpa, dem Inka-Kaiser. Ihre Geschichte stellte das Aufeinandertreffen von Kulturen als einen Krieg der Ideologien dar.

Daraufhin habe ich ein paar Kurzgeschichten geschrieben, in denen ich diese Idee erkundet habe. Eine davon erschien in der „Arcane II Anthology“ und eine andere im „Grimdark Magazine“. Sobald das grundlegende System des Wahnsinns sich zusammengefügt hatte, schrieb ich „Chroniken des Wahns.“

Literatopia: Kannst du uns etwas über deine Hauptfiguren erzählen?

Michael R. Fletcher: Entgegen aller anderslautenden Gerüchte sind sie alle liebenswerte Charaktere.

Ok, ich war in einer ziemlich dunklen Stimmung, als ich das Buch geschrieben habe. Ich war zu dem Schluss gekommen, dass Menschen nicht in der Lage sind, aus ihren Fehlern zu lernen. Außerdem war ich genervt von den unzähligen Fantasyromanen, in denen nur gutaussehende Menschen mit perfektem Haar vorkamen. Ich wollte ein Buch, in dem jeder hässlich ist. Ich wollte ein Buch mit Figuren, die… unrettbar verdorben sind.

Literatopia: Deine Geschichte spielt in einer düsteren, beengten Welt voller Gewalt und deine Protagonisten sehen und tun einige ziemlich abstoßende Dinge, während ihnen zugleich nahezu alle Eigenschaften fehlen, die zur Identifikation einladen. Während es durchaus einen Trend in Richtung düsterer Fantasy voller hässlicher Details und moralisch ambivalenter Figuren gibt, geht „Chroniken des Wahns“ in dieser Hinsicht noch einen großen Schritt weiter als andere Bücher des Genres. Hast du dir je Sorgen gemacht, deswegen Leser zu verlieren?

Michael R. Fletcher:Ich habe “Chroniken des Wahns” in der Überzeugung geschrieben, dass nur ein halbes Dutzend meiner Freunde es je lesen würde. Nicht eine Sekunde lang habe ich gedacht, dass man es an einen großen Verlag verkaufen könnte. Ich war völlig verblüfft, als ich erst einen Agenten fand und dann „Harper Voyager“ das Buch kaufte. Ich habe darauf gewartet, dass sie mir sagen, dass ich es ändern und einen sympathischen Charakter einbauen müsste, weil das nun einmal die Regeln sind. Aber das haben sie nicht getan.

Allerdings weiß ich, dass mich das ein paar Leser gekostet hat. Einigen Leuten ist das Buch einfach zu dunkel. Aber das ist in Ordnung. Ich habe es nicht für sie geschrieben.

BeyondRedemption300pxlLiteratopia: Viele der Figuren in “Chroniken des Wahns” leiden an schweren psychischen Krankheiten. Ich kann mir vorstellen, dass es eine echte Herausforderung ist, aus ihrer Perspektive zu schreiben. Ist es dir schwer gefallen und hast du dafür viel recherchieren müssen?

Michael R. Fletcher: Ist es ein schlechtes Zeichen, dass es mir leicht gefallen ist?

Ich schreibe, indem ich mich in den Kopf jeder einzelnen Figur versetze. Ich tue so, als wäre ich sie, spiele ihre Parts auf der Grundlage dessen durch, was sie wissen, und treffe all die Entscheidungen, von denen ich glaube, dass auch sie sie treffen würden. Da ich das Buch nicht im Voraus geplant hatte, musste ich mich nicht an eine vorgezeichnete Handlung halten. Wenn sie etwas Verrücktes taten und sich in eine heikle Situation brachten, habe ich es ihnen überlassen, einen Ausweg zu finden. Wenn sie das nicht konnten, mussten sie sterben.

Am meisten Spaß hat es mir gemacht, die Soziopathen zu schreiben. Einer von ihnen, Der größte Schwertkämpfer der Welt, basiert auf jemandem, den ich sehr gut kannte. Einige seiner Dialoge habe ich wortwörtlich aus Gesprächen zwischen uns beiden übernommen.

Literatopia: An jedem Kapitelanfang steht ein fiktionales Zitat von einer historischen Persönlichkeit aus deiner Welt. Hast du ein Lieblingszitat?

Michael R. Fletcher: Es hat so viel Spaß gemacht, diese Zitate zu schreiben! Diese Frage ist, als müsste ich sagen, welches meiner Kinder mir am liebsten ist. Ich kann mich unmöglich für eines entscheiden. Ich habe extra für die deutsche Übersetzung noch ein paar Neue geschrieben.

Literatopia: Du hast eine Menge deutscher Wörter verwendet und angesichts deiner Social-Media-Posts habe ich den Eindruck, dass du eher gemischte Reaktionen erhalten hast. Warum gerade Deutsch?

Michael R. Fletcher: Zuerst zu der “Warum Deutsch?”-Frage: Ich liebe die Art, wie die Sprache aussieht. Ich liebe all die K’s und harten G’s und den Fakt, dass du neun Konsonanten in ein Wort mit zwölf Buchstaben quetschen kannst, für das es im Englischen ein Drei-Buchstaben-Wort (mit zwei Vokalen) gibt. Ich wollte den anglozentrischen Eindruck vermeiden, der in so vielen Fantasy-Romanen vorherrscht. Ich wollte Wörter und Namen, die englische Leser einschüchtern und verwirren.

Und erinnerst du dich daran, was ich darüber gesagt habe, dass ich „Chroniken des Wahns“ nur für ein halbes Dutzend meiner Freunde geschrieben habe? Nun ja, niemand von ihnen spricht Deutsch, zumindest nicht sehr gut. Ich fand es cool, Hinweise – kleine Ostereier – in den Namen zu verstecken.

Literatopia: Wir haben ja schon auf Goodreads darüber gesprochen, aber ich muss noch einmal fragen: Klingt Deutsch wirklich so hart? Ich selbst kann das schließlich nicht beantworten, es ist unmöglich, seine eigene Sprache als bloßen Klang wahrzunehmen. Und wie wird deine Übersetzerin in der deutschen Ausgabe mit den Namen umgehen?

Michael R. Fletcher: Angesichts dessen, dass ich kein Deutsch spreche und die Aussprache der simpelsten Wörter verstümmele: Ja. Ja, es klingt hart, aber auf großartige Weise. Wie gesagt, es sind all diese harten Konsonanten. Und diese Umlaute! Warum zur Hölle hat das Wort „Umlaut“ keinen Umlaut? Die sehen einfach cool aus.

Du hast die englische Version gelesen und weißt, wie schrecklich ich die deutschen Wörter verstümmelt habe. Mirka, meine Lektorin bei Bastei Lübbe hat nahezu jeden Namen verändert. Das musste sie tun. Sie hat sich neue Namen für die Figuren ausgedacht und mir eine Tabelle geschickt, in der sie ihre Entscheidungen begründet hat und ich finde sie großartig. Ich bin verblüfft von all der Arbeit, die sie in mein verrücktes kleines Buch gesteckt hat.

Literatopia: Was hältst du von dem Cover der deutschen Ausgabe und dem Titel, der dafür gewählt wurde?

Michael R. Fletcher: Sieht gut aus! Ich kenne den deutschen Markt nicht, also kann ich nicht wirklich etwas darüber sagen, ob es gut funktionieren wird. „Chroniken des Wahns“ (ich übersetze das für mich als „Chronicles of Madness“ ergibt Sinn. Und der Untertiel „Blutwerk“ ist auch ziemlich cool. Hoffentlich wird es sich gut verkaufen und der Verlag sich auch für die Fortsetzungen interessieren.

Literatopia: Ich habe den Eindruck, dass englische, amerikanische und kanadische Autoren deutlich aktiver auf sozialen Netzwerken sind als viele ihrer deutschen Kollegen. Genießt du den direkten Kontakt zu deinen Lesern oder empfindest du es manchmal als lästige Aufgabe?

ChronikendesWahns300pxlMichael R. Fletcher: Es ist nie eine lästige Aufgabe, aber ich bin hin und her gerissen. Einerseits gibt es an mir nichts Interessantes oder Cooles, so dass ich wahrscheinlich mehr davon profitieren würde, mich mysteriös zu geben. Andererseits gehört es zu meinen besten Erfahrungen, wenn Leute den Kontakt suchen und mir erzählen, wie mein Buch ihr Leben beeinflusst hat.

Ich genieße die Interaktion und habe eine Menge großartige Freunde überall auf der Welt gefunden. All das, ohne mein Haus zu verlassen!

Literatopia: Gibt es einen Aspekt des Schriftsteller-Lebens, der dich überrascht hat?

Michael R. Fletcher: Ich bin überrascht, wie wenig sich geändert hat. Niemand an meinem Arbeitsplatz weiß, dass ich ein international veröffentlichter Autor bin. Letzte Woche habe ich Fanpost aus Island, den Niederlanden und Australien bekommen. Während ich arbeite und in einem Gabelstapler durch die Gegend fahre, tausche ich Mails mit meinen Lektoren und Verlegern, den Künstlern, die meine Titelbilder entwerfen, und meinem Agenten in New York. Und dann bewege ich weiter Kisten durch ein Lagerhaus.

Literatopia: Du bist nicht nur Schriftsteller, sondern hast auch in einer Band gespielt und Musik scheint nach wie vor eine wichtige Rolle in deinem Leben zu spielen. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Michael R. Fletcher: Ich habe etwa zehn Jahre lang in einer Goth/Metal-Band namens “Sex Without Souls” Gitarre gespielt. Wir waren nie berühmt, aber wir haben ein paar Dinge gesprengt und hatten Auftritte in verschiedenen Fetisch-Nachtklubs. Derzeit spiele ich meiner Tochter das Lied „Charlotte is a Ninja Warrior Princess“, das ich für sie geschrieben habe, auf meiner Akustik-Gitarre vor. Immer wieder. Es ist unglaublich, dass Kinder es nicht leid werden, das gleiche Lied unzählige Male zu hören.

Beim Schreiben höre ich ohrenbetäubendes Death Metal. Das passt perfekt zur Stimmung meiner Bücher. Und mit all der Ausrüstung, die ich aus meinen Studiotagen übrig habe, habe ich ein ziemlich gutes Soundsystem in meinem Büro.

Literatopia: Du hast weitere “Manifest-Delusions”-Romane angekündigt. Sind das direkte Fortsetzungen zu „Chroniken des Wahns – Blutwerk“ oder unabhängige Geschichten, die in derselben Welt spielen?

Michael R. Fletcher: “The Mirror’s Truth”, die Fortsetzung zu “Chroniken des Wahns”, erscheint im November 2016. „Swarm and Steel”, ein anderes Buch, das in derselben Welt spielt, aber mit komplett neuen Figuren, kommt im August 2017 raus. Je nachdem wie gut sich “Chroniken des Wahns – Blutwerk” in Deutschland verkauft, werden diese Bücher vielleicht auch übersetzt. Wir müssen abwarten und sehen, wie sich das entwickelt.

Mögen Deutsche düstere Fantasy mit jeder Menge Gewalt?

Literatopia: Du hast Geschichten zu Anthologien wie „Evil is a Matter of Perspective“ beigetragen. Findest du es angesichts der epischen Längen, zu denen Werke des Genres normalerweise tendieren, schwierig, kurze Fantasy-Geschichten zu schreiben?

Michael R. Fletcher: Die Erzählung zu schreiben hat Spaß gemacht. Ich wollte eine abgedrehte Liebesgeschichte über eine der Nebenfiguren aus „Chroniken des Wahns“ schreiben. Aber ich ziehe es vor, Romane zu schreiben. Ich mag es, mehr Raum zu haben, um meine Ideen und Charaktere zu erkunden. Ich empfinde kurze Geschichten als eine größere Herausforderung.

Literatopia: Wie laufen die Crowdfunding-Kampagnen für die Anthologien, an denen du mitarbeitest. Denkst du, dass Crowdfunding in Zukunft eine größere Rolle beim Verlegen von Büchern spielen wird?

Michael R. Fletcher: Die einzige Anthologie, bei der ich derzeit involviert bin, ist „Evil is a Matter of Perspective: An Anthology of Antagonists“. Diese ist voll finanziert und ich glaube, sie haben auch all ihre zusätzlichen Ziele erreicht. Ich habe meine verrückte Liebesgeschichte eingereicht und sie haben sich nicht darüber übergeben oder mir hasserfüllte Mails geschrieben, also glaube ich, dass es gut läuft.

Die Zukunft des Verlegens… Ich habe keine Ahnung. Ich ziehe es vor, mich in meiner Höhle zu verstecken, statt über die Zukunft nachzudenken.

Literatopia: Kannst du dir vorstellen, einen weiteren Roman in der “Chroniken des Wahns”-Welt zu schreiben oder möchtest du bei deinem nächsten Projekt etwas komplett Anderes ausprobieren?

Michael R. Fletcher: Ich habe bereits an einem Fantasy-Roman in einer neuen Welt gearbeitet. Gerade bin ich noch dabei, die Welt zu planen. Ich habe die Figuren, den Hintergrund, das Magiesystem und die Grundlagen für den Plot. Sobald die Überarbeitung der „Manifest Delusions“-Romane von meinem Schreibtisch verschwunden ist, kehre ich zu diesem Projekt zurück. Ich kann es nicht erwarten! So sehr ich die „Manifest Delusions“-Welt liebe, muss ich als Nächstes doch etwas Anderes machen. Wenn die Leser mehr wollen, werde ich aber garantiert mehr schreiben.

Literatopia: Danke für dieses Interview.

Michael R. Fletcher: Es war mir ein Vergnügen. Cheers!


Autorenfoto: Copyright by Michael R. Fletcher

Autorenwebsite: http://michaelrfletcher.com

Michael R. Fletchers Fantasy-Roman „Chroniken des Wahns: Blutwerk“ erscheint im Januar 2017 bei Bastei Lübbe.


Dieses Interview wurde von Swantje Niemann für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 09. September 2016
 

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