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Deutschstunde (Siegfried Lenz)
Geschrieben von Almut
Donnerstag, der 20. April 2017

lenz deutschstunde

Hoffmann und Campe 2017
Herausgegeben von Günter Berg
Gebunden, 755 Seiten
€ 48,00 [D]
ISBN 978-3-455-40597-2

Genre: Belletristik


Inhalt

Jens Ole Jepsen, Polizist in dem norddeutschen Provinznest Rugbüll, muss während der Nazizeit gegen seinen Freund, den expressionistischen Maler Max Ludwig Nansen, ein Malverbot durchsetzen und überwachen. Jahre später, in der Gegenwart der Erzählung, befindet sich der Sohn des Polizisten, Siggi Jepsen, in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Jeden Freitag ist Deutschstunde. Als ein Aufsatz zum Thema “Die Freuden der Pflicht” zu schreiben ist, gibt Siggi ein leeres Heft ab. Konsequenz ist eine Strafarbeit zum Thema, anzufertigen in einer Einzelzelle. Es entwickelt sich eine Atemlosigkeit im Schreiben, Siggi werden wiederholt Fristverlängerungen gewährt. Er setzt sich mehrere Monate mit dem Ereignis aus der Vergangenheit auseinander, feiert nicht einmal seinen 21. Geburtstag.


Rezension

Der Vater, der ein fanatisches Verhältnis zur Pflichterfüllung hat und noch nach dem Krieg die Überzeugung äußert, nur seine Pflicht getan zu haben, steht im Widerspruch zu seinem Sohn, der sich ihm und damit dem Reich widersetzt und dem Maler hilft. Lenz konstituiert einen Konflikt zwischen Vater und Sohn, die Geschichte eines Sohnes, der sich von seiner Vaterfigur löst. Ein beim Erscheinen des Buches 1968 politisch aktuelles Thema im Zuge der Auseinandersetzung der jüngeren Generation mit der Vergangenheit ihrer Eltern. Zumindest in der Erinnerung Siggis werden der Vater und der Künstler zu statuesken Großfiguren in einer Rollenprosa, die von manchen Lesern als mit Modellen arbeitende pädagogische Literatur rezipiert wurde. Es gelingt Lenz, durch die erzählerische Konzentration auf den Randbereich, auf Nebenfiguren, die für sein Werk typische Behandlung von Natur und Umwelt, die beiden Handlungsebenen und die Sprache Siggis einer pädagogischen Deutsch- und Geschichtsstunde entgegenzuwirken.

Die erzählerische Gegenwart bildet den Rahmen für die Erinnerungen und Reflektionen Siggis. Die Binnenhandlung ist in der Zeit von 1943 bis 1945 verortet, die Rahmenhandlung 1952 bis 1954. Die Binnenerzählung wird an wenigen Stellen von der Rahmenerzählung durchbrochen, was zu einer Verschränkung beider führt. Korrespondierend erfolgt der Wechsel zwischen den Erzählebenen gelegentlich scheinbar übergangslos. Siggi ist Ich-Erzähler einer Geschichte, die auf einer weiteren Erzählebene durchsetzt ist mit Auszügen aus der Diplomarbeit des Psychologen Wolfgang Mackenroth. Die Jugendsprache Siggis und die Fachsprache Mackenroths bestimmen in kontrastierender Weise die Erzählung.

Im Zentrum steht der Pflichtbegriff. Hauptfiguren sind die fünfköpfige Familie Jepsen und der Maler Nansen. Siggis Vater wird durch Pflicht und Gehorsam in seinem Menschsein definiert. Seiner Vorstellungswelt opfert er sogar die Beziehung zu seinem Freund Nansen. Siggi will er in dieses Konditionierungskorsett, das in der geografischen und politischen Peripherie getragen wird, als spiele der Roman in Berlin, mit einbinden. Sein anderer Sohn, Klaas, ist Soldat, verstümmelt sich selbst, desertiert, versteckt sich in der Nähe seines Zuhauses, wird von seinen Eltern verraten und ausgeliefert. Die Familie als Keimzelle der – nicht nur nationalsozialistischen – Gesellschaft muss sauber bleiben, um nicht die Gesellschaft zu verunreinigen.

Die Begriffe Pflicht, Pflichterfüllung und Gehorsam werden nicht definiert und am Exempel durchbuchstabiert. Vielmehr werden sie in actu deutlich. Die Unterwerfung reicht sogar bis in die Sphäre der mit Bedeutung versehenen Leere: der Maler sagt einmal, er werde unsichtbare Bilder malen. Der Polizist hat damit einen Grund, leere Blätter zu vernichten. Am Anfang der Lektüre von Deutschstunde steht ein Deutschaufsatz, dem Ich-Erzähler aufgezwungen. Der Roman selbst ist heute Schullektüre.

Ein halbes Jahr vor seinem Tod vermachte Siegfried Lenz sein persönliches Archiv dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Im Jahr 2016 begann die Publikation der auf 25 Bände angelegten Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz. Das Editionsprojekt wird von Günter Berg, dem Chef der Siegfried Lenz Stiftung in Hamburg, und Heinrich Detering herausgegeben. Es entsteht in Zusammenarbeit des Verlags Hoffmann und Campe mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, dem Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität Göttingen und der Siegfried Lenz Stiftung. Zwei bis drei Bände sollen pro Halbjahr erscheinen, die Ausgabe soll im Herbst 2021 abgeschlossen sein.

Aus dem Kommentar wird ersichtlich, dass Lenz vier Anläufe für den Romanbeginn benötigte und zwei Textpassagen vollständig strich. Lenz hatte die ersten Ideen 1962 und begann die Arbeit an der Deutschstunde 1964. Am 1.6.1965 schrieb er, dass er sich ein Jahr in die falsche Richtung bewegt hatte. Nach dem Erfolg seiner Erzählungssammlung So zärtlich war Suleyken bewegte er sich gedanklich noch in seiner verlorenen masurischen Heimat und beschritt in der Arbeit an seinem Roman einen Weg zur Heimatliteratur. Seinen „idyllischen Exotismus Masurens“ ertrug er nicht mehr, im Gespräch mit seiner Frau Lilo veränderte er seinen Ansatz.

Da es verschiedene Ausgaben der Deutschstunde bei Hoffmann und Campe und dtv gibt, stellt sich die Frage, was an der Hamburger Ausgabe neu ist. Die erste Werkausgabe aus den 1990er Jahren enthält keinen Kommentar. Die neue Ausgabe hat einen Umfang von 755 Seiten. Der Romantext wird zeichengetreu nach der ersten Buchausgabe wiedergegeben. Ihm folgt der Kommentarteil: Entstehung (S. 589); Textgrundlage (S. 608); Textfassungen (S. 609); Der Nolde-Komplex (S. 615); Rezeption (S. 625); Stellenkommentar (S. 648); Materialien und Dokumente (S. 673); Anhang (S. 741). Das Buch ist in Leinen gebunden, mit einem Lesefaden versehen und kostet 48 Euro.


Fazit

Deutschstunde, eins der Hauptwerke von Siegfried Lenz, veröffentlicht in der Hamburger Ausgabe der Werke des Schriftstellers, versehen mit einem ausführlichen und interessanten Kommentarteil, behandelt den Themenkomplex um Pflicht, Gehorsam und Auflehnung im Spannungsfeld der Loslösung eines Sohnes von seinem Vater.


Wertungsterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 3/5


Rezension zu Der Überläufer

 

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, der 20. April 2017
 

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