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Gwendys Wunschkasten (Stephen King/Richard Chizmar)
Geschrieben von Almut
Freitag, der 20. Oktober 2017

king gwendyswunschkasten

Heyne, München, 09.10.2017
Originaltitel: Gwendy’s Button Box (2017)
Übersetzung von Ulrich Blumenbach
Gebunden, 128 Seiten
€ 10,00 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,90
ISBN 978-3-453-43925-2

Genre: Horror/Mystery


Rezension

Stephen Kings Leser wissen, dass er gelegentlich Geschichten in Zusammenarbeit mit anderen Autoren veröffentlicht. Die Novelle Gwendys Wunschkasten hat er gemeinsam mit Richard Chizmar geschrieben. Chizmar ist der Gründer des kleinen Verlages Cemetery Dance Publications, in dem exquisit gefertigte zumeist weniger umfangreiche und nicht ganz preiswerte Bücher erscheinen. Auch Gwendy’s Button Box wird dort verlegt.

Die zwölfjährige Gwendy Peterson steht kurz vor einem Schulwechsel und möchte bei dieser Gelegenheit ein paar nicht so schöne Details in ihrem Leben ändern, darunter ihr Gewicht und ihren daraus abgeleiteten Spitznamen “Mugel”, halb Mensch, halb Kugel. Während ihrer täglichen Fitnessübungen im Stadtpark befindet sie sich gerade auf der Selbstmordtreppe, als sie ein Mann mit schwarzem Hut anspricht.

Der Mann heißt Richard Farris und hat einen schönen Mahagonikasten bei sich, ausgestattet mit zwei Hebeln und acht Druckknöpfen in verschiedenen Farben. Gwendy betätigt einen Hebel und bekommt ein leckeres Schokoladentierchen, dann den zweiten und erhält einen Morgan-Silberdollar von 1891. Die acht Druckknöpfe sind nicht so einfach zu betätigen, weil die mit ihnen verbundenen “Geschenke” zerstörerischer Natur sein können.

Gwendy soll den Kasten für Farris aufbewahren: “Er teilt Geschenke aus, aber das sind nur kleine Entschädigungen für die Verantwortung, die mit ihm einhergeht.” Während der nächsten Jahre isst Gwendy die Schokoladentierchen, was zu Veränderungen führt: ihre Pickel verschwinden, sie wird schlanker, schöner, eine gute Sportlerin und wird an der High School ein beliebtes Mädchen. Zwischendurch muss sie immer mal wieder daran denken, wie es wäre, einen der Knöpfe zu drücken…

Castle Rock in Maine ist immer wieder mal Handlungsort einer Geschichte Stephen Kings, so Dead Zone – Das Attentat, Cujo, Stark - The Dark Half, Die Leiche (Erzählung aus Frühling, Sommer, Herbst und Tod) und In einer kleinen Stadt. Die Handlung der Novelle Gwendys Wunschkasten spielt ebenfalls in Castle Rock, und sie beginnt im Jahr 1974, als es Castle Rock noch gut geht. In dem Roman In einer kleinen Stadt wird 1991 ein Teil Castle Rocks dem Erdboden gleichgemacht. In der Erzählung Premium Harmony, aus Basar der bösen Träume, ist die Stadt nach der Krise von 2008 “ziemlich tot”, und die Wirtschaft “ist aus diesem Teil von Maine verschwunden.”

Castle Rock ist im Werk Kings nicht nur ein wichtiger Ort, vergleichbar dem fiktiven Yoknapatawpha County/Mississippi aus dem Werk William Faulkners. Er wird vielmehr sukzessive facettenreich entwickelt, wir lernen in verschiedenen Texten verschiedene Ortsteile kennen, Straßen, Geschäfte, Häuser und ihre Bewohner. In Premium Harmony skizziert King den Bereich um Walmart. Fehlt nur noch eine von King angefertigte Karte, ähnlich der Faulkners von 1946. Wir lernen in Gwendys Wunschkasten neue Seiten von Castle Rock kennen, Gegenden, die uns vorher unbekannt waren und Bausteine für einen über mehrere Texte entwickelten Stadtplan liefern.

Die Novelle erzählt eine etwas andere Coming-of-age-Story, die angelegt ist um eine Kindheit und Jugend (beginnend mit zwölf Jahren, zehn Jahre durchlaufend), welche wiederum durch den Wunschkasten mitbestimmt wird. Die Leser und Leserinnen erleben gleichsam im Zeitraffer die Entwicklung Gwendys als Teenager, lernen das Mädchen gut genug kennen, um ihm durch die Geschichte folgen zu wollen. In Gwendys Leben ereignen sich einige harmlose bis unangenehme Dinge, andere laufen völlig schief. Und wir wissen bisweilen – wie auch Gwendy - nicht, ob dafür der Kasten verantwortlich ist, oder ob es einfach nur das Leben ist, mit seinen Unwägbarkeiten und Scheidewegen.

Die Druckknöpfe des Wunschkastens stehen jeweils für eine bestimmte Region der Erde. Sechs Knöpfe adressieren Erdregionen, zwei sind sehr speziell. Der rote Knopf entspricht etwa einem Joker, der Gwendys Wissendurst oder Forscherdrang nützlich sein könnte, aber auch in böser Absicht benutzt werden kann. Der schwarze Knopf, gibt Farris Gwendy indirekt zu verstehen, könnte alles beenden, also die Welt vernichten. Warum Farris ihr den Kasten überhaupt gibt, erfährt sie nicht. Er gibt ihr lediglich den Hinweis auf existenzielle Bedrohungen und dass sie von den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Menschen am geeignetsten sei. Naheliegend ist im Strickmuster der Kingschen Gestaltung von Figuren mit den Initialen R. F., dass Farris ein Versucher ist.

Im Werk Stephen Kings finden sich einige Motive und auch Handlungslinien aus Märchen. So verweist in seinem Drehbuch zum gleichnamigen Film Der Sturm des Jahrhunderts die Idee des bösen Fremden, der eine Insel heimsucht und nur durch das Opfer eines Kindes gebremst werden kann, auf Rumpelstilzchen. Leland Gaunt aus In einer kleinen Stadt ist ein mysteriöser Fremder, der in Castle Rock ein Antiquitätengeschäft eröffnet und faustische Pakte schließt, indem er den Kunden Artikel verkauft, die sie aus tiefem Begehren haben wollen. Die Story erinnert in Teilen an Christopher Marlowes Die tragische Historie vom Dr. Faustus.

Der Roman Carrie verwendet Cinderellas Motive der bösen Stiefmutter und des in das Frausein hineinwachsenden Mädchens. Die bösen Geschwister sind Mitschüler, der Prinz ist Tommy Ross, der Ball wird zur Prom Night, dem Abschlussball an der High School. Carrie wird zudem wie Rapunzel weggeschlossen, als sie ein bestimmtes Alter erreicht hat. Am Ende sagt Gwendy zu Frankie Stone etwas, was nahezu wortgleich in Carrie vorkommt. Frankie ist in seiner Entwicklung das krasse Gegenstück Gwendys.

Gwendys Wunschkasten liest sich wie ein Märchen über das Erwachsenwerden (Sozialisations-Märchen). In einem Märchen der Brüder Grimm, Marienkind, gibt die Jungfrau Maria der kindlichen Hauptfigur einen Schlüsselbund für die Himmelstüren, deren 13. sie auf keinen Fall öffnen darf. Sie macht dies dennoch, zu ihrem großen Schaden. Gwendy soll den schwarzen Druckknopf nicht betätigen. In beiden Geschichten geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, verlässlich zu sein, sich an Spielregeln zu halten, wenn man weiterkommen will.

Gwendy befindet sich naturgemäß im Verlauf der Zeit in immer neuen Entscheidungssituationen. Der Kasten wirkt über die Schokotierchen auf ihre grundsätzlichen Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen, und er lässt sich darüber hinaus in Einzelfällen ad hoc benutzen – dies jedoch nicht immer auf unproblematische oder eindeutige Weise. Gwendy stabilisiert sich als Individuum, als rationale Person, die Handlungsmöglichkeiten sorgfältig durchdenkt und ihre Präferenzen sorgsam bestimmt. Ihr Umgang mit dem Wunschkasten trägt entscheidend dazu bei. In gewisser Weise erfüllt sich darin eine Vorhersage von Farris, die zum Ende der Novelle ausführlich thematisiert wird.

Bisweilen kann man sich bei den sehr kurzen Kapiteln nicht gegen die Vorstellung wehren, man bewege sich mit dem Suchvorlauf auf die Schnelle durch eine Geschichte. King und Chizmar legen eine potenzielle Weltuntergangsgeschichte vor, in welcher in dieser Richtung jedoch gar nichts passiert, die Lesererwartungen auf der Suche nach dem großen Knall absichtlich desavouiert werden. Nicht jeder Mensch, dem die Möglichkeit geboten wird, zum eigenen Vorteil böse zu werden, wird dies auch. Am Ende realisiert Gwendy ihren großen Traum. Wir erfahren davon aber auch erst auf den letzten Seiten. Vielleicht ist die Erfüllung dieses Traumes die Belohnung dafür, dass sie der Versuchung widerstanden hat.


Fazit

Gwendys Wunschkasten folgt seiner Hauptfigur durch zehn Lebensjahre, der Zeit vor dem Eintritt in die High School bis zum Beginn des Literaturstudiums. Die märchenhafte Erzählung mit Elementen aus Mystery und Horror beleuchtet die letzten Jahre einer Kindheit, die erste Liebe, Zukunftsträume, alles im Schatten der Versuchung und der Fragen, wie man mit Wünschen und Macht umgehen kann.


Pro und Kontra

+ lässt vieles in der Schwebe zwischen Magie und Realismus
+ stellenweise politisch unkorrekt
+ sehr gutes Buchdesign mit engem Inhaltsbezug

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


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Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 20. Oktober 2017
 

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