Fairy Tale (Stephen King)

King Fairy Tale

Heyne, 2022
Originaltitel: Fairy Tale (2022)
Übersetzung von Bernhard Kleinschmidt
Gebunden, 880 Seiten
€ 28,00 [D] | € 28,60 [A] | CHF 39,90
ISBN 978-3-453-27399-3

Genre: Fantasy, Märchen


Rezension

Der siebzehnjährige Schüler Charlie Reade aus dem ländlichen Illinois hat als Kind seine Mutter bei einem Autounfall mit Fahrerflucht verloren und lebt seitdem mit seinem Vater zusammen, der erst Alkoholiker wurde, dann seinen Job bei der Versicherung verlor, lernte, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und sich um seinen Sohn zu kümmern, die Anonymen Alkoholiker besuchte, trocken und wieder arbeitsfähig wurde. Charlie entwickelte sich während dieser Jahre zu einem fürsorglichen Jugendlichen.

Er gibt Gott ein Versprechen, das einzulösen er sich in der Lage sieht, als er dem alten Nachbarn Howard Bowditch nach dessen Unfall bei häuslicher Arbeit das Leben rettet. Fortan kümmert er sich um Howard und dessen arthritische Schäferhündin Radar, in die er sich verliebt. Irgendwann erfährt Charlie, dass in Howards Schuppen ein Brunnen als Portal in das magische Reich Empis existiert, wo das Böse die Herrschaft übernommen hat. Auch gibt es dort eine Sonnenuhr, welche die Zeit rückwärtslaufen lässt. Charlie sieht bald mehrere Gründe, mit Radar diese Welt aufzusuchen.

Zu seinem 75. Geburtstag hat sich Stephen King, wie er im Interview sagte, mit Fairy Tale ein Geschenk gemacht. Er erzählt eine Geschichte, die bekannt ist, gewisser Maßen eine Collage aus den Geschichten, die auf die eine oder andere Weise zu allen Zeiten immer erzählt werden. Damit reiht sich Fairy Tale, offensichtlich nicht ohne Grund mit diesem allgemein gehaltenen Titel versehen, in den großen Fundus der Geschichten, der Märchen und Fantasy-Erzählungen ein, ohne über den Titel den Anspruch zu erheben, neu oder anders zu sein. Die beiden Hauptfiguren sind ein Gespann, das in der Gegenwart nicht selten auftritt, ein Junge und ein Hund: beispielsweise in A Boy and His Dog (1969), von Harlan Ellison, als ein Team, das in der Welt der Postapokalypse durchzukommen versucht. Oder: Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt (2020), von C.J. Fletcher.

Charlie Reade ist eine typische mit Schwächen behaftete King-Figur. Er bemüht sich ein guter Mensch zu sein, auch und vor allem im Grenzbereich, in dem es ihm einiges abverlangt. Er gibt ein Versprechen und hält es auch – eins der zentralen Argumente für die Handlungsentwicklung. Als Charakter wird er vielschichtig entwickelt im Verhältnis zu seinem Vater, zu Radar und Howard. King lässt sich für diese Entwicklung viel Zeit, sie beansprucht bald 300 Seiten. Als Charlie, zuerst alleine, dann mit Radar durch das Portal, genannt: Der Weltenbrunnen, in die Anderwelt gelangt, verändert sich der Erzählstil dramatisch.

Der Weg der Erzählung verläuft geradlinig, versehen mit ein paar Wendungen und Ausflügen in die Randlagen. Charlie ist ein Jugendlicher auf einer Heldenreise in der Anderwelt. Aber war nicht schon seine Kindheit ein solches Unternehmen? Mehr Wert auf die weitgehend dem King-Standard folgenden Hauptfiguren und der relativen Einfachheit der Geschichte – es handelt sich schließlich um ein Märchen – legt der Autor auf die Gestaltung seiner Fantasywelt. In ihr gibt es einige Märchenbezüge, oft genug ausgesprochen.

Zu den Referenzen gehören Grimmsche Märchen (wie Rumpelstilzchen, Die Gänsemagd - ein sprechendes Pferd eingeschlossen), Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Der Zauberer von Oz, Star Wars (Leah), Game of Thrones, Hobbits, Riesen und das Märchen Hans und die Bohnenranke (Original: Jack and the Beanstalk). Auch die auf den Autor selbst bezogenen Verweise sind reichhaltig und teils expliziert (- so, wenn die zu dem Zeitpunkt noch unbekannte Radar mit Cujo verglichen wird). Der Talisman von King und Peter Straub ist das Buch, welches während der Lektüre häufiger in den Sinn kommt.

Als Charlie und Radar die Anderwelt betreten, haben wir im Grunde einen (nahezu) vollständigen Kleinstadtroman gelesen, einen Teil der Bewohner des Ortes und deren Beziehungen kennengelernt. Wir erinnern uns daran, dass Charlie jedes Mal, wenn er darauf angesprochen wurde, Harolds Leben gerettet zu haben, entgegnete, das sei Radars Verdienst gewesen. Wir wissen, dass Charlie ein sehr guter Sportler ist, dass Radar Arthritis hat, dass beide das bevorstehende Abenteuer gemeinsam meistern müssen.

Als sie im Königreich Empis ankommen, trägt Charlie Harolds .45er im Revolvergürtel an der Hüfte und erinnert an Kings Fantasy-Saga Der dunkle Turm. Wir fragen uns, ob jemand, der eine Waffe trägt, sie auch benutzt, wenn ja, unter welchen Bedingungen. Fairy Tale gibt hierauf eine Antwort. Und es kommt noch viel schlimmer, als wir denken. Wer Der Talisman gelesen hat, weiß dies ohnehin. Charlie und Radar geraten in ein Königreich, dass bedroht ist, außerdem, wie Tolkien sagen würde: gefährlich. Der Usurpator Flugtöter hat die königliche Familie gestürzt und das Reich mit einer mysteriösen Krankheit überzogen, die die Bevölkerung entstellt. Charlie trifft bald auf Leah, die abgesetzte Prinzessin ohne Mund. Wer sich fragt, wie Leah so Nahrung zu sich nehmen kann, wird von King mit einer Beschreibung versorgt, die dem Anspruch des Body Horror vollauf genügt.

Fairy Tale ist eine sehr gelungene Fantasy-Geschichte, die nicht nur intensiv intertextuell arbeitet, sondern vor allem von einem großen Abenteuer in einer Anderwelt erzählt, die eine exquisite narrative Architektur aufweist, viele schöne Details und einige böse Momente, bis hin zu einem Kampf auf Leben und Tod, bei dem es selbstverständlich nicht darum geht, ob Charlie ihn überlebt. In jedem Menschen steckt vielleicht die Fähigkeit, böse Dinge zu tun, anderem Leben vorsätzlich Schaden zuzufügen. Wir erleben dies immer wieder mal. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist auf diesem Planeten kein Tag vergangen, an dem nicht irgendwo ein Krieg stattfindet. Seit ein paar Monaten direkt vor unserer Haustür. Da kommt ein Happy End ganz gelegen. Und so ist das 32. Kapitel überschrieben mit: „Hier also euer Happy End“.


Fazit

In Stephen Kings Fairy Tale durchmisst Charlie Reade mit großer Detailfreude seine Vergangenheit und erzeugt einen autobiographischen Text, in dem er reflektiert und nichts auslässt, weil alles wichtig sein könnte. Dabei entsteht eine schöne Entwicklungsgeschichte in der Kleinstadt, die in ein erheblich umfangreicheres Fantasy-Abenteuer mündet, beide harmonisch miteinander verbunden.


Pro und Kontra

+ harmonisch miteinander verbundenes zweistufiges Märchenkonstrukt aus Kleinstadtstory und Fantasy-Abenteuer
+ liebenswerte Hauptfiguren
+ unaufdringlich intertextuell

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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Tags: Dark Fantasy, Kleinstadtgeschichten, Stephen King, Fantasy, Anderwelt, Intertextualität, Body Horror