Martin Förster (08.07.2023)

Interview mit Martin Förster

martin foersterLiteratopia: Hallo, Martin! Kürzlich ist im Signum-Verlag Dein Roman „Das gewöhnliche Leben eines Superschurken“ erschienen. Was erwartet die Leser*innen in Norddeutschland?

Martin Förster: Hi, und erst einmal vielen Dank für das Interview.

Neben bildgewaltigen Kämpfen, wie man sie auch aus vielen Comics und den gängigen Superhelden-Filmen kennt, verfolgt man die Entstehung des ersten Superhelden-Teams der Welt (was sich mal zur Abwechslung in Europa und nicht in den USA abspielt). Aber vor allem geht es um einen einfachen Typen. Einen Kerl aus der deutschen Mittelschicht, der an dem Versuch verzweifelt, das auszuleben, was allgemein als der Kleinbürgerliche Traum bekannt ist. Schulden, heranwachsende Kinder, Selbstzweifel, all das füllt das Päckchen, das er mit sich herum trägt, wie wohl viele von uns. Man könnte vielleicht auch sagen, er neigt zur Depression, das zu beurteilen überlasse ich aber gern dem/der Leser*in. Jedenfalls muss man sagen, dass er allerhand Fehler macht, nachdem ihm zu viel Macht zuteilwird.

Das Buch bietet dabei zwei Perspektiven. Geht es um die Supreme wird alles klassisch erzählt. Der Teil von Barbarossa wird von ihm selbst erzählt oder besser vorgetragen, wobei mein Protagonist auch immer wieder die vierte Wand durchbricht und mit dem/der Leser*in interagiert.

Literatopia: Dein Protagonist Thomas Barbarossa erhält durch ein Artefakt Superhelden-Fähigkeiten und kann fortan Materie und Energie manipulieren. Wie setzt er diese Kräfte ein? Und wie wird er schließlich zum Superschurken?

Martin Förster: Superschurke könnte man ihn wohl nennen, ab einem gewissen Punkt jedenfalls. Dann aber auch wieder nicht. Er ist kein Wahnsinniger oder so. Ich wollte kein The Boys - Reloaded. Ich wollte einen Charakter schaffen, der versucht an sich das Richtige zu tun, einstweilen egoistisch handelt, Fehler macht und sich auch mal von seinen Gefühlen leiten lässt. Das Leben, wie er auch, ist nun einmal nicht nur Schwarz und Weiß. Da gibt es viele hübsche Graustufen. Ein Beispiel: Jeder, der ein Kind hat, kennt die Situation, das man auch mal gestresst ist und der Racker einen zur Weißglut treibt. Das alles einfach zu viel wird. So sehr, dass man brüllt. Den meisten von uns ist das sicher schon passiert. Das macht uns aber nicht zu schlechten Eltern. Oft tut es einem danach ja auch schrecklich leid, wie man sich verhalten hat und dann versucht man es besser zu machen. Und das könnte man auf Barbarossa übertragen, nur mit dem Problem, dass er halt Superkräfte hat.

Literatopia: Die European Supreme wollen Thomas aufhalten. Würdest Du uns deren Mitglieder kurz vorstellen? Und welche Fähigkeiten haben sie?

Martin Förster: Ich versuche hier etwas wage zu bleiben, da die Entstehung der Supreme eng verknüpft ist mit dem, was Thomas Barbarossa geschieht.

Auch die Mitglieder der Supreme sind Menschen mit Schwächen und Stärken. Eigenen Tragödien und Traumata, denen im Buch auf den Grund gegangen wird. Diese lassen sie immer auf Messers Schneide balancieren. Ganz nach dem Motto, dass Helden auch Monster sein können und umgekehrt.

Doch wer sind sie?

Esat Adil - Der Golem

Der junge syrische Flüchtling kentert mit anderen Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Während dieses Unglücks entdeckt er seine Kräfte, die Umwelt um sich herum wie einen Schutzpanzer anzulegen und mit ihr zu verschmelzen. So erschafft er für jede Situation den passenden Körper, der sich um ihn legt wie eine zweite Haut. Von Riesen bis mehrgliedrige Raubtiere ist alles dabei. Er ist idealistisch, aber auch von großen Ängsten beseelt.

Rachel Addams - La Sorcière

Schon im Teenager-Alter lernt sie durch ein weiteres Artefakt zu zaubern. Was zu durchaus grausamen Konsequenzen führt, wird sie doch in ihrer Schule gemobbt. Das erinnert ein wenig an Carry, zugegeben. Dennoch wird sie Teil der Supreme. Sie beeinflusst das Wetter und vollbringt allerlei wunderliche Dinge. Es ist ihr guter Wille, der schreckliche Konsequenzen haben wird.

Artem Rudenko - The Knight

Bei ihm ist es wichtig zu wissen, dass das Buch im Jahr 2019 entstand und auch in dieser Zeit spielt. Also als der Krieg in der Ukraine noch nicht völlig zum Ausbruch kam, es aber schon die ersten Konflikte und den Grenzregionen gab.

Als Soldat gerät er in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft und wird gefoltert. Dieser traumatische Vorfall bringt seine Fähigkeit zum Ausbruch, sich so gut wie unverwundbar zu machen und die neuen Energien in seinen Körper zu mächtigen Druckwellen zu formen. Er ist hochintelligent und loyal den seinen gegenüber. Vielleicht zu loyal.

Welche Abenteuer sie erleben, wie die EU, die ganze Welt auf sie reagiert und welche Hintergründe ihr Kampf gegen Barbarossa wirklich hat, das müssen die Leser*innen schon selber herausfinden :)

Literatopia: In einer Rezension zu „Das gwöhnliche Leben eines Superschurken“ heißt es, der Roman sei eine Hommage an die Popkultur der 80er und 90er Jahre – wie äußert sich das?

Martin Förster: Hommage ist, glaube ich, ein bisschen viel gesagt, auch wenn es mir sehr schmeichelt. Aber Thomas ist nun einmal ein Kind seiner Zeit. Seine Helden waren Batman, die Ghostbuster, Spiderman und wie sie alle heißen. Diese Literatur und die Musik der 80‘er und 90‘er hat ihn quasi mit sozialisiert. Also zieht er oft viele Vergleiche zu diesen Geschichten und Figuren. Er schaut mir seiner Tochter „Avatar - The Last Airbinder“ weil er sich nicht schämt, Zeichentrick toll zu finden usw. Und das taucht dann halt auch immer wieder auf. Er ist quasi ein Nerd, der erwachsen werden musste.

Literatopia: Auf Deiner Autorenwebsite finden sich unter dem Titel „Daydreams“ Teaser zu diversen phantastischen Kurzgeschichten, die Du im Selfpublishing veröffentlichst. Was zeichnet für Dich eine gelungene Kurzgeschichte aus?

Martin Förster: Kurzgeschichten sind für mich immer toll, wenn man das Gefühl hat, einen Einblick in eine größere Welt und Handlungsrahmen zu erhalten, aber vieles halt nur angedeutet wird. Und perfekt sind sie für mich, wenn sie einen mit dem Gefühl zurücklassen: - Und nun? Wie geht’s weiter, verdammt!

Literatopia: Was fasziniert Dich persönlich an phantastischer Literatur?

Martin Förster: Vielleicht der Umstand, dass sie einen vom Alltag ablenkt. Ich bin zum Beispiel kein Freund von True Crime. Den normalen Alltagswahnsinn und die Schlechtigkeit des Menschen wird mir schon so genug um die Ohren gehauen. Da ist es schön für ein paar Momente, eine andere Welt zu besuchen. Und ich gestehe, ich mag Happy Ends. Sie müssen nicht immer allumfassend sein, aber es ist doch toll zu erleben, dass etwas auch mal gut ausgeht, egal wie beschwerlich der Weg dahin war.

Literatopia: Auf Deiner Website gehst Du offen mit Deiner Lese- und Rechtschreibschwäche um. Wer und/oder was hat Dir geholfen, trotz demotivierendem Deutschunterricht Spaß am Schreiben zu entwickeln?

Martin Förster: Der Deutschunterricht war an sich gar nicht so demotivierend. Gerade später. Ich habe tatsächlich Aufsätze ganz gerne geschrieben. Das Problem war immer nur die Rechtschreibung, was dazu führte, das ich durchgängig eine Drei hatte. Quasi Inhalt Eins Rechtschreibung Sechs. Man ist ja nicht blöd. Man hat es halt bloß mit dem Schreiben und Lesen nicht so drauf. Das mag bei vielen anderen noch weitaus schlimmer sein als bei mir, aber wegen so etwas braucht man sich nicht zu schämen oder sich Sorgen ums Kind zu machen, das aus diesem nix wird. Es gibt viele Hilfen und mit Liebe und Motivation kann man alles richten. Schule ist ja nur der Anfang des Lebens, nicht das Ende. Wichtig, denke ich, ist nur, dass man es weiß, dass man es akzeptiert und sich Lösungen überlegt.

Literatopia: Deine Website beschreibst Du als „Ventil für all die Nöte und Freuden, die ich beim Schreiben meines ersten (hoffentlich nicht letzten Buches) hatte“. Was hat Dir beim Schreiben denn die größten Schwierigkeiten bereitet?

Martin Förster: Oh, da gab es einiges:

Übersicht:

Oft vergisst man ja doch Details, die man am Anfang eingebaut hat oder man ändert hinten heraus einiges und das muss man dann vorn wieder anpassen. Das kann müßig sein, gehört aber einfach dazu.

Rechtschreibung:

Klar Rechtschreibung, Satzbau, Grammatik im Allgemeinen, das fällt mir nicht leicht. Zum Glück gibt es Programme wie Duden-Mentor, aber auch die kennen nicht immer den Kontext des Satzes und machen dann selbst Fehler. Zum Glück habe ich eine liebende Ehefrau, die mich auch dahingehend unterstützt und weitaus fähiger ist.

Den Mut zu behalten und sich zu sagen, ich schreibe das, was ich selber gerne lesen würde:

Oft hat man ja Zweifel an der eigenen Geschichte. Aber von denen sollte man sich nicht entmutigen lassen. Da hilft es manchmal, Abstand zu nehmen. Sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und oft merkt man, wenn man zurückkehrt, dass es doch irgendwie geil ist. Jedenfalls für einen selber.

Zeit:

Neben dem Beruf, dem Haushalt und den Kindern ist es so schon nicht leicht, Zeit für seine Passion zu finden. Das macht das Ganze dann anstrengend. Deswegen schreibe ich meistens erst einmal alles nur roh, meist in meinen Raucherpausen auf dem Handy (Das soll keine Werbung sein, Rauchen ist scheiße, aber so für mich doch zu etwas gut) und bringe dann bei der Überarbeitung die benötigte Liebe zum Detail rein, die alles besser macht. Dadurch braucht es zwar lange, bis ein Buch fertig ist, aber seien wir mal ehrlich, es wartet ja keiner drauf :)

daydreams fantasy scifiLiteratopia: Welche Momente beim Schreiben waren bisher die besten für Dich?

Martin Förster: Die Besten sind die, wenn man sich an einer Szene oder einem Punkt des Handlungsstrangs die Zähne ausbeißt, bis man dann doch irgendwann diesen gedanklichen Gordischen Knoten knackt und alles wieder fließt, einen Sinn ergibt und sich zusammen fügt.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend etwas über Deine kommenden Veröffentlichungen, einen Steamfantasy-Roman und ein Cyberpunk-Fantasy-Crossover, verraten?

Martin Förster: Sehr gerne.

„Menschen, Magie und Maschien - Entfesselte Zukunft“ spielt in einem alternativen Berlin des Jahres 1868. In der Stadt der Zukunft, in der die Elektrokutschen der allgegenwärtigen Industrie- und Fortschrittsgesellschaft so alltäglich sind wie die ersten Luftschiffe, dort, wo sich die Kinder der Magie vor der Angst des gemeinen Volkes in Gettos verstecken, muss sich die Sonderermittlerin Marie Nestling mit dem ehemaligen Hauptmann Wilhelm Lämmle, zusammentun, um einen grausigen Ritualmord aufzuklären, dessen blutige Wurzeln bis weit in die Vergangenheit beider zu reichen scheint. Während es für das ungleiche Duo immer schwieriger wird zu unterscheiden, wer Freund und wer Feind ist, ziehen am Horizont der Zeit die Wolken eines neuen Krieges herauf. Dem letzten Krieg, der die deutschen Reiche endgültig einen soll.

„EOS“, und ich gebe zu bedenken, dass dies noch ein Arbeitstitel ist (das Buch selbst steckt noch in den Windeln), ist inspiriert von „Shadowrun“, spielt aber in einer anderen Welt. Das ermöglicht es mir, High Fantasy á la Tolkien oder Warcraft mit der SciFi und dem Cyberpunk zu verbinden. Es ist spannend, etwas zu schreiben in einer Welt, in der Magie und Zukunftstechnologie verschmelzen und die dennoch vor ähnlichen Problemen steht wie die unsrige. Ob drohende Kriege, soziale Konflikte, Probleme mit KIs oder die Folgen des Klimawandels im Schatten der Industrialisierung durch die Mega-Konzerne und das Zwergenkonsortium, von allem ist etwas dabei. Es wird ein wilder Ritt für den Zwerg Kael Igason, den Troll Theo Felsenspalter, der Cyberkriegerin Moira Deelain und dey (ja dieser Charakter ist weder Mann noch Frau) Tech-Magicae Sorrá, die versehentlich etwas stehlen, das von der unsterblichen Kaiserin ersonnen wurde, um die Wiederauferstehung eines alten Übels zu verhindern. Doch natürlich ist nichts, wie es scheint. Gut und Böse verschwimmen, während vergangene Ereignisse ihre Schatten werfen. Und über alle dem schwebt stetig der Zorn der Elben, die von ihren Sternenstädten aus in Angst vor dem, was kommt, das Ende von EOS planen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Martin Förster: Ich hab zu danken. Für Deine Zeit und Deine Mühe :)


Autorenfoto: Copyright by Martin Förster

Autorenwebsite: https://schreiben-ich-warum-nicht.jimdofree.com/ 


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.